BOOK FAIRytale IV/ II

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Fünf buchreiche Tage, elf Bücher haben sich angesammelt, ergänzen meinen Bücherstapel, bis er mir über den Kopf, bis unter die Decke wächst und darüber hinaus. Ich gebe sie gerne an Euch weiter – Leseeindrücke in ein oder zwei oder mehr Sätzen.

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Land spielen von Daniel Mezger

»Wir spielen Land. Sind hierhergezogen in dieses Haus, das eigentlich zu alt ist, um ernst genommen zu werden, wir reißen die alten Böden raus, ohne Geld für neue zu haben, es kommen Spanplatten rein, Spannteppiche drauf […] Unser Reich ist nun verkleinert, aber ist unser Reich, ist immer noch groß genug, um Land zu spielen.«

320 Seiten, Salis Verlag

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Nacht von Etel Adnan

»Ich denke oft darüber nach, wie die Menschheit wohl wäre, wenn sie bei Nacht gelebt hätte. Wenn sie das blendende Licht unserer Tage durchschlafen hätte. Vielleicht wären wir der Liebe gegenüber sensibler gewesen.«

96 Seiten, Edition Nautilus

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M Train von Patti Smith

»Das ist ein Gedicht. Ein Gedicht ohne jegliche Poesie. Ich war verblüfft. War das gut oder nicht? Sie ließ meine Seiten auf den Boden gleiten. Ich stand auf und folgte ihr ans Fenster.«

336 Seiten, Kiepenheuer & Witsch

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Balco Atlantico von Jérôme Ferrari

»Erstaunlicherweise fühlte er sich, einmal seiner Illusionen und Überseeträume entledigt, besser. Er war glücklich, das Dorf wiedergefunden zu haben, dem er so leidenschaftlich entflohen war. Er war bereit zu akzeptieren, das, was er war, zu sein.«

174 Seiten; secession Verlag

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Zweiundzwanzig von Jean-Philippe Blondel

» Ich sehe mich auf der Rückbank eines Autos, mit ausgebreiteten Armen, den Kopf zurückgelegt, mit Blick auf die Welt da draußen, den strahlend blauen Himmel, die vorbeifliegenden, ausgefransten Wolken, manchmal Vögel, die Wipfel der Pinien, der Ozean kann nicht weit sein, bald, bald werde ich oben auf der Düne stehen, werde meine Sandalen ausziehen und mich hinunterrollen lassen.«

160 Seiten, mare Verlag

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Meine geniale Freundin von Elena Ferrante

» Als Lila und ich uns entschlossen, die dunkle Treppe nach oben zu steigen, die, Stufe für Stufe, Absatz für Absatz, zu Don Achilles Wohnungstür führte, begann unsere Freundschaft.«

422 Seiten, Suhrkamp Verlag

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Realitätsgewitter von Julia Zange

» Es ist unfassbar beängstigend, niemanden mehr zu brauchen. Es fühlt sich zwar frei, aber gleichzeitig unendlich einsam an. Mir fällt ein, dass meine Mutter eigentlich immer ans Meer ziehen wollte. Aber der Gedanke verzieht sich mit dem Nachtwind.«

157 Seiten, Aufbau Verlag

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Väter von Babet Mader

Als Papa noch da war, seid ihr in den Ferien immer in die Berge gefahren. Ihr habt im Rhythmus eures Laufschritts geatmet, gesungen und seid die Berge hoch zum Gipfel geschnauft wie eine vierköpfige Eisenbahn.«

176 Seiten, Open House Verlag

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Konzert ohne Dichter von Klaus Modick

»Nirgends öffnet sich ein Horizont, nirgends ein Durchblick, nirgends eine neue Perspektive. Nirgends Freiheit. Ein schöner Vorhang, der die Wirklichkeit verbirgt, eine Mauer, die das Leben ausschließt.«

240 Seiten, Kiepenhauer & Witsch

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Philosophie des Meeres von Gunter Scholtz

» Die Wiege der Philosophie stand am Meer und ihr Grundprinzip war das Wasser […] Auch unsere Ausdrucksweisen für Veränderungen in der menschlichen Welt – der Fluss der Zeit, die geistige Strömung, die Welle der Mode, der politische Dammbruch, die Flut der Migranten usw. – sind fast sämtlich Wasser- und Meeres-Metaphern.«

288 Seiten, mare Verlag

 

Und dann noch dieser unfassbar schöne Bildband vom gestalten Verlag:

Surf Odyssey – The Culture of Wave Riding

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Bücher.

Dit is wat we delen – This is what we share – Dies ist, was wir teilen.

Motto des diesjährigen Gastlandes Flandern & Die Niederlande.

 Wie wahr.


book fairyTALE IV / I: Das mit den roten Haaren

Dieses Jahr schöpfe ich die Frankfurter Buchmesse so richtig aus. Fünf Tage bin ich dort und das verlangt nach mehr als einem Blog Post. Es gibt Geschichten zu erzählen, reichlich. Nicht nur jene, die zwischen den unzähligen Buchseiten warten, sondern auch die aus den Gängen der Messehallen. Und diese hier hat damit zu tun, dass es mir neben den unabhängigen Verlage auch die unabhängigen Magazine besonders angetan haben. Daheim stapeln sich die Magazine mit den Büchern um die Wette. Dem Berliner Magazin-Laden do you read me? statte ich regelmäßig einen Besuch ab. Kein Wunder also, dass es mich auf der Buchmesse zur »Indiecon Island« (von den Machern des Indiecon Festivals) verschlägt. Ein wenig schwelge ich bei diesem Thema stets in den Erinnerungen an [Lautschrift], das Magazin, an dem ich selbst einmal beteiligt war. Es ist ein Teil meiner Literaturlaufbahn, ebenso wie meine roten Haare ein Teil von mir sind. Was hast das eine mit dem anderen zu tun? Wo ich schon beim schöpfen war, komme ich nun zum Schopf – dem Haarschopf. Denn als ich mitten im Magazinvergnügen stehe und staune, tippt mir jemand auf die Schulter. »Hey, du hast ja rote Haare!« Ich drehe mich um. »Gut erkannt!« Mir stehen ebenfalls rote Haare gegenüber. Sie gehören zu Tristan, dem Herausgeber des weltweit einzigen Magazins für Rothaarige. Er drückt mir die neueste Ausgabe vom MC1R in die Hand. Eigenartig, denke ich erst. Was für ein passender Titel, denke ich später, als ich mich schlau mache: MC1R ist die Abkürzung für den Melanocortinrezeptor 1, der zum Chromosom 16 gehört, das die Haarfarbe beeinflusst. Bei Rothaarigen ist das verändert. Grund genug ein Magazin daraus zu machen? Eindeutig! Das MC1R erscheint bereit zum fünften Mal, Anklang findet es also, auch von mir (natürlich bin ich da befangen). Why do I have freckles? fragt ein Artikel. Being a Ginger in New Zealand erzählt ein anderer. Redheads of the World zeigt eine Karte. Das Magazin ist in die Rubriken Culture, People, Design und Photography unterteilt. Ich blättere neugierig, mit hochrotem Kopf – im wahrsten Sinne.

Auf der unabhängigen Insel gibt es auch Das Wetter – Magazin für Text und Musik. Ebenfalls ein hübsches Stück! Und meine roten Haare haben sich in ein Magazin geschlichen, das sich dort ebenfalls einreiht: das Blog-to-Print Magazin archiv/e. Der Reise- und Fotoblog von Cindy, cake + camera,  wird darin vorgestellt, mit dabei ist folgendes Foto.

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So schließt sich der Kreis. Die Freude an den unabhängigen Magazinen bleibt und die roten Haare, die wachsen und gedeihen. Und was die Buchmesse angeht: Ich entdecke weiter und berichte, so wie in den letzten Jahren auch.

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Info: MC1R – The magazine for redheads; 160 Seiten, auf Englisch, lieferbar in die ganze Welt und darüber hinaus; 16 Euro.

Bild: MC1R


BOOK FAIRytale III

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Ich stelle wieder fest: sie ist es! Halle 4.1 ist mein Ort auf der Frankfurter Buchmesse. Da wartet das Erstaunliche, das Anziehende, das Schöne; da warten die kleinsten und die größten Freuden der Buchwelt auf mich. Da gehe ich zuerst hin und zuletzt und zwischendurch sowieso. Ich bleibe unter dem Goldregen beim August Dreesbach Verlag stehen und blättere in einem Hingucker über die schwedische Marken, Design- und Filmagentur SNASK; Make Enemies & Gain Friends:

Dieses Buch ist ein Muss für alle, die kreative Erleuchtung suchen, selbst gestalten oder einfach nur die Weltherrschaft anstreben. (August Dreesbach Verlag)

Ich schnappe Fragen bei Schöffling & Co. auf:

»Ihr lest keine Lyrik? Seid ihr wahnsinnig?«

(Maria Gazetti, ehemalige Leiterin des Lyrik Kabinetts in München)

und lese mich beim Verlagshaus Berlin Zeile um Zeile ins diesjährige Gastland Indonesien mit dem absolut hübschen Gedichtband Hochzeit der Messer von der indonesischen Dichterin Dorothea Rosa Herliany. Ich drehe und wende die Wespennest – Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder, stecke mir eine Hörprobe von speak low ein und staune über das erste Hörbuch auf Schallplatte: About Songs & Books vom mairisch Verlag. Ich darf beim secession Verlag löschpapier vom Stand weg mitnehmen, ein Gedichtband des Berliner Musikers Vincenz Kokot. Die Gedichte begleiten mich auf der Rückfahrt nach München und sie gefallen mir! tinte zum Beispiel:

bloß in den nächten ist es

schwer bei sich zu sein

am tage verlauf ich

mich überall hin

nach jeder

seite

Daheim höre ich das Folk-Trio my sister grenadine; Kokot spielt Ukulele und singt. Auch die Musik gefällt mir! So führt eines zum anderen, so kommt die Literatur zur Musik und die Musik zur Literatur – auch auf der Buchmesse.

Weitere Bücher, die mir aufgefallen sind:

Hasenmeister von Tilman Strasser – Salis Verlag

Auerhaus von Bov Bjerg – Blumenbar

Mein Hiddensee von Ulrike Draesner – mare Verlag

Low von Boris Pofalla – Metrolit Verlag

Im Meer schwimmen Krokodile von Fabio Geda – btb Verlag

Die Clique von Mary McCharty – ebersbach & simon

So viel Fantasie – Schriftstellerinnen in ihrer dritten Lebensphase von Ingeborg Gleichauf – Aviva

Literaturmachen II – Literatur und ihre Vermittler von Erwin Krottenthaler und José F.A. Oliver – Voland & Quist

Luftsprünge – Eine literarische Reise durch Europa von Thomas Geiger – dtv Verlag

Die eine oder andere Rezension folgt sicherlich in den kommenden Wochen; die nächste Buchmesse garantiert im nächsten Jahr.

Bild: Die Leserin von Stefanie Benz, Johanna Dahlem, Niat Hadgu und Juliane Zieher; Preisträger beim Plakatwettbewerb der Frankfurter Buchmesse


BOOK FAIRytale II

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Zugegeben: Das Frankfurter Buchmessenmärchen klingt (im Vergleich zu Leipzig) vor allem lyrisch. Und: es hat einen nordischen Touch. Unbeabsichtigterweise. Eben nicht vorhersehbar, wie das Messegeschehen so ist. Denn: Die Vorbereitungen haben nie so ganz Hand und Fuß, auch wenn ich mir drei Seiten voll Hallen- und Standnummern, Namen und Buchtitel notiere. Ich kann doch nicht einschätzen, was mich erwartet; an welchen Ständen ich stehen bleibe, wen ich treffe, welche Gespräche entstehen, welche Wörter mich einfangen – und das ist ja das Schöne daran. Es erinnert mich ans Twister spielen: Je nachdem, in welche Richtung ich (in diesem Fall die Drehscheibe) mich drehe und auf welchem Feld ich stehen bleibe (ob rot, ob grün, ob gelb, ob blau), greift meine linke Hand zum nächsten Buch, schüttelt meine rechte Hand eine nächste Hand, bleibt mein linker Fuß in Reihe A stehen, während mein rechter Fuß schon zu Reihe B schlendert. Auch zugegeben: Mit Finnland als Gastland war der nordische Einfluss vorprogrammiert. Allerdings war mir nicht klar, wie programmiert der Fluss werden sollte. Das Programm: Lyrik. Der Fluss: meine Gehirnströme. Das Projekt »Brain Poetry« des finnischen Kunstkollektivs »Brains on Art« formulierte per Gehirnstrommessgerät ein Gedicht direkt aus meinem Kopf auf die Wand, das ich mit meinem Namen in eckigen Klammern unterschrieb und schwarz auf weiß mitnehmen konnte. »Neues Gedicht auf Deutsch. Suche nach Gehirn. Die Alphaspitze wird geortet. Versuch nachzuempfinden« und dann das:

Selig verwand

Deine Hände

Schmelzend ein Asyl

Haare golden

betet heiser

[rena]

Ich hinterließ Finnland also (oder Finnland hinterließ mich) mit meiner Kopflyrik auf einem Kassenzettelformat und der Frage: Wo kam das denn her? Oder »Warum denn das?«, wie das Gedicht eines Freundes passenderweise endete. Weitere unerwartete Fragen hielt das Postkarten-Set »Wem würden sie nie im Leben eine Postkarte schicken?« des Schweizer Autors Thomas Meyer (Bestseller: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse; aktueller Roman: Rechnung über meine Dukaten) für mich bereit. Mit den Worten »Einer Frage kann sich niemand entziehen…Oder sehen sie das etwa anders?« wurden 48 Karten (in rot und grün und gelb und blau) zusammengepackt, die aus dem Projekt Aktion für ein kluges Zürich entstanden sind, das die Heimatstadt des Autors zu sich selbst befragen sollte – durch Aufkleber an allen Ecken und Enden. Die Fragen sind ungewöhnlich gut. Viele würde man sich nie selbst stellen. Es ist oft schwierig, auch unangenehm, sie zu beantworten.

»Wie gehen Sie mir ihrer Seele um?«

»Womit lenken sie sich von sich selbst ab?«

»Mit welchem Trick haben sie sich ihre letzte Schlechtigkeit schöngeredet?«

»Sind sie ein guter Mensch? Seit wann?«

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»Die Lösung liegt in der Poesie«? So lautet zumindest der Untertitel des Buches, das mir am Stand des deutschen Lyrik Verlages als erstes aufgefallen ist. Wenn das Wort zu Wort kommt von Margo Fuchs Knill, publiziert beim Karin Fischer Verlag. Neben meinem Kassenzettelgedicht riss ich mir weitere Lyrik in Kleinformat auf der Hotlist-Party der unabhängigen Verlage im Literaturhaus (Gewinner: Lars Müller Publishers aus Zürich mit dem Bildband Menschen am Cern von Andri Pol) von der Wand: das fischgedicht (»kleingeschrieben, weil keine große liebe«) von Arezu Weitholz aus dem Gedichtband Mein lieber Fisch, erschienen bei Weissbooks. Prosa in kurz und klein fand ich beim Literatur Quickie Verlag, der Kurzgeschichten im Pixiebücher-Format verlegt (»Geschichten to Go, Krimis auf dem Kopfkissen, Worte zum Wein oder im Wartezimmer, das Buch zum Bier, in der Bahn oder im Bus, Kafka zum Kaffee…«). Lyrik in Großformat wiederum hat sich mir in Form des Poetryletter gezeigt, einem wunderbaren Zusammenspiel aus Gedichten und Illustrationen von Fixpoetry. Und wiederum Prosa in Schönformat fand ich zum einen beim kladde buchverlag, einem Crowdfounding-Verlag, der die Leserinnen und Leser entscheiden lässt, welches Buch mit auffallend hübschem Layout herausgebracht wird und zum anderen im Danish Literary Magazine. Weitere Bücher, die ich für mich entdeckt habe (um die sich die schreibstation in den nächsten Wochen drehen wird) :

Helle Helle – This should be written in Present Tense (Harvill Secker)

Petur Gunnarsson – Die Rollen und ihre Darsteller (Weidle Verlag)

Christian Sepp – Sophie Charlotte (August Dreesbach Verlag)

Johann Bargum – Septembernovelle (mareverlag)

Gertrud Leutenegger – Panischer Frühling (Suhrkamp Verlag)

Tanja Schlie – Wo Frauen ihre Bücher schreiben (Thiele Verlag)

Arne Nielsen – Der Elefantenbäcker (Salisverlag)

Der Salisverlag, an dessen Stand ich ganz zufällig gerne lange stehen geblieben bin, verlegt wiederum Thomas Meyer. Mein Messebesuch: Von Anfang bis Ende eine zufällig abgerundete Sache. Oder um es mit den Worten der Drehscheibe zu sagen: Let´s twist again and again and again!

Bild: Das offizielle Plakat der Frankfurter Buchmesse 2014. Oder ein Teil davon. Jedenfalls ein typischer Teil von Finnland.