Bye Bye Bussi Bussi!

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…stand auf einer Mauer an der Isar, in der Nähe der Praterinsel; damals als ich in München ankam und meine Reise begann. Letztens war ich wieder dort und es steht noch da. Ich stand da und habe ihr nachgesinnt; der Zeit in dieser Stadt, die nun zu einem Dort geworden ist. Das Hier ist nun Berlin. Doch das ist eine andere Geschichte. Eine, die noch geschrieben wird.

Wenn ich an München denke, sind dort viele Geschichten.

Das Flanieren in der Kunstakademie. Der Olympiaturm beim Aufwachen. Die Herzoglichkeit. Gin und Tonic im Moejo91. Die Himbeerlimonade im Jasmin. Der Rooibos-Erdbeertee im Marais. Die heiße Schokolade auf der Parkbank bei der Alten Pinakothek. Das Krümeln in der Kuchenwerkstatt. Die Breze im Morgengrauen nach durchtanzter Nacht. Die Musik. Der Entenmarsch durch den Englischen Garten. Der Luitpoldpark, hoch oben. Die herausragenden Kirchtürme. Der endlose Kinogang zum Filmfest. Das Lieblingseis zu jeder Zeit. Nachts die Pommes beim Bergwolf. Die überlangen Spaziergänge. Das übervolle Antiquariat.

Die erfüllten Gespräche. Die Bücher zwischen den Wegen.

Der Anfang der schreibstation.

Und so vieles mehr.

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Bye Bye Bussi Bussi!

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Eine Biografie über Sophie, Sisis kleinste Schwester.

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»Sie ist fromm, einfach, sanft und liebevoll, intelligent; sie strebt nach einem ausgefüllten und ruhigen Leben; und dennoch hat sie eine gewisse natürliche Fröhlichkeit…Sie ist keine klassische Schönheit, aber sie hat schöne blaue Augen voller Ausdruck, eine Fülle an Haar in einem warmen Blondton, einen schönen Teint, eine hübsche Figur, einen lebendigen und gesunden Ausdruck, der einem Freude macht…« (Herzog Ferdinand von Alençon)

»Sophie ist eine treue, teilnehmende Seele voll Geist, ihr Loos hat eine gewisse Aehnlichkeit mit dem meinigen, wir Beide leben in Mitte einer Umgebung die uns nicht begreift und falsch beurtheilt, wir leben wie auf einer Oase im Sandmeer der Wüste.« (König Ludwig II von Bayern)

Es wurde mal wieder Zeit für eine Biografie und gefunden habe ich sie in Sophie Charlotte; die Lebensgeschichte der kleinsten Schwester der allseits bekannten Kaiserin Sisi. Im Oktober 2014 ist die Biografie beim Münchner August Dreesbach Verlag erschienen und der Autor Christian Sepp fragt sich in seinem Vorwort, wie sehr man – aller Neugier zuliebe – die Nase in das Leben eines anderen Menschen stecken darf, auch wenn dieser bereits verstorben ist und ohnehin in der Öffentlichkeit gelebt hat. Wie wird man einer Lebensgeschichte gerecht? Wie umgeht man Unwahrheiten und erkennt Wahrheiten, um am Ende ein ehrliches und stimmiges  Bild zu rekonstruieren? Ein Hauch Spekulation bleibt immer bestehen. Aber das ist ja das Spannende daran. Und ehrlich gesagt, macht es einfach viel zu sehr Spaß, den Spuren eines interessanten Lebens nachzugehen, zu recherchieren und zu entdecken – vor allem wenn sie einem, wie es bei Sophie Charlotte (1847-1897) der Fall war, bei eBay quasi in die Hände fallen: Briefe die sie ihrer Tochter geschrieben hat; allesamt aus einem Privatnachlass. Historische Quellen also, die noch nie ausgewertet wurden. Wenn das keine Aufforderung war, die Geschichte zu erzählen. Und noch dazu eine Geschichte, die so viel Erstaunliches und Wissenswertes bereithält: eine innige Freundschaft mit dem Märchenkönig Ludwig II von Bayern, die bis zur Verlobung führte, weiter aber nicht; eine Affäre mit einem Fotografen, die Heirat mit Herzog Ferdinand von Alençon, die Liebe zu einem Arzt, ein Scheidungsvorhaben, die Einweisung in ein Sanatorium; ein schicksalhafter Tod; und so vieles dazwischen. Christian Sepp rückt Sophie Charlotte zurecht in das Licht der Aufmerksamkeit und das auf eine sehr schöne Art und Weise – immer wieder fließen ihre eigenen Worte und die Worte der Menschen, die an ihrem Leben teilgenommen haben, in den Text mit ein; in Briefen und Tagebucheinträgen, und durch viele Fotografien. Die Biografie schafft so nicht nur einen auffallend authentischen Einblick in das Leben der Herzogin, sondern auch einen lebendigen Eindruck in die Zeit, in der sie lebte – das aufregende 19.Jahrhundert. Ebenso zeichnet sie ihr gesamtes Umfeld nach. Denn mit den Lebensetappen von Sophie Charlotte werden auch ihre Eltern, ihre Freunde, ihre Bekannten und vor allem ihre sieben Geschwister zum Leben erweckt und damit alle, die sie beeinflusst haben und all das, was sie mit ihnen erlebt hat. Eine runde Geschichte, die mich beim Lesen »verzerbelt« hat.

»An einem schönen Tag ist man ganz „verzerbelt“…«

 

Titel: Sophie Charlotte – Sisis leidenschaftliche Schwester; Autor: Christian Sepp; August Dreesbach Verlag München; 288 Seiten; 24 Euro

Bild: August Dreesbach Verlag


Aufgepsssst! Literatur und Musik zur Weihnachtszeit. Von Helden des Frühlings.

»Kannst du dir vorstellen, mich zu begleiten?« fragte Martin Spitzweck den Unbekannten, der ihm schon öfters in der Münchner U-Bahn aufgefallen war; weil er immer dieses Kontrabass dabei hatte. »Ja«, meinte Preston Jones frei heraus – und enstanden ist nicht nur ein gemeinsamer Gang über die Wiese, den Hügel hinauf; sondern ein Zusammenspiel aus Literatur und Musik. Und drei Jahre, drei Programme (ein viertes ist derzeit in Arbeit) und etwa 25 Auftritte später, haben sie nun auch einen Namen: Helden des Frühlings.

»Weil der Frühling immer ein Anfang ist und wir immer etwas anfangen. Es geht einfach darum, nicht immer nur zu träumen. Ab Frühling kann wieder alles passieren.«

Bei der wilden Schneeflocke, ihrem Weihnachtsprogramm, passiert auch so Einiges:

»Stehlende Weihnachtsmänner, die sich rechtzeitig den Bart wachsen lassen, engelsgleiche Schönheiten, die über Nacht in den Himmel auffahren, verzaubernde Wälder oder einfach Olga Danne, die dem Willi schon mal eine schöne Tanne verspricht, wenn er mit ihr ins Bett steigt. Schneee ee ee ee e e e e fällt auf sie alle, ob arm oder reich, so ist der Lauf der Dinge…und eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann gern kennenlernen.«

Martin liest, Preston singt und spielt Kontrabass und Ukulele; oder auch manchmal die Person, von der Martin gerade erzählt. Denn zu Text und Musik gesellt sich gerne auch mal das Schauspiel. Und wenn Martin die Texte für die Lesung aussucht, gesellen sich zu bekannten Namen auch gerne Unbekanntere. »Goethe ist nicht wichtiger als so und so.« Und bei Preston geht es oft gar nicht so sehr darum, welches Instrument er spielt, sondern vielmehr um den Klang. »Wenn zum Beispiel von einem Eiswagen die Rede ist, dann mache ich den Klang des Eiswagens.« Und im Endeffekt geht es den beiden vor allem darum, eine besondere und lebendige Atmossphäre zu schaffen – und das stets mit einem Hauch von Ironie. Luftig und leicht, wie der Frühling eben so ist.

Wer also ein selten stimmungsvolles Weihnachtsprogramm erleben möchte, der findet Die wilde Schneeflocke am 8. Dezember um 19Uhr in der Goldschmiede Barbara Fuchs; Blutenburgstraße 74 in München. Der Eintritt ist frei.

Info: Mit ihrem Programm Lichter der Stadt treten Helden des Frühlings am 20.März 2015 im Tannerhof auf. Ein Eindruck von unterwegs; oben im zweiten Video.


Erstehilfekessel

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Worte gehen in Töne über, fügen sich, werden verzerrt, schwimmen in Klängen, winden sich in deren Rhythmus und schließlich gehen sie, zwischen Schnalzen und Schnipsen, Klopfen und Trommeln, unter oder auf im Hall des 21 Meter hohen Raumes der Kesselhalle des Mixed Munich Arts (MMA), einem ehemaligen Heizkraftwerk mitten in München, das Hauptspielstätte des forum:autoren war – dem Kuratorenprogramm des Münchner Literaturfestes (20.November bis 7.Dezember). Acht Veranstaltungen, die zum Programm hatten, was ihr Veranstaltungsort verspricht: mixed arts. Die Hauptessenz: Literatur. Die Zugaben: Film, Theater, Musik und Bildende Kunst. Der Kurator: Clemens Meyer, deutscher Schriftsteller aus Leipzig. Das Motto: »In Gefahr und grösster Not bringt der Mittelweg den Tod«. Es ging um Extreme, um Provokation und: um Erste Hilfe am Dienstagabend und zwar durch Poesie. Zunächst mit Andreas Reimann, dessen amüsant trockener Humor mich nicht nur in seinen Gedichten, sondern auch live auf der Bühne im Gespräch mit Clemens Meyer mehr als einmal zum schmunzeln brachte, beispielsweise als es um sein Publikationsverbot in den 1970er und 1980er Jahren ging:

»Man muss ja nicht immer Sachen schreiben, die so dämlich am Zeitgeist kleben.“

Ein Reim aus dem Gedicht Schlehen, den ich mir flink mitgeschrieben habe:

»Und wie flink wir auch die Karten mischen

Gegenwart ist immer ein dazwischen«

Anschließend ließ der dänische Autor und Klangkünstler Morten Søndergaard dann Poesie verschwinden. Er steckt nicht nur Worte in die Arzneimittelverpackungen seiner Wortapotheke, sondern machte, gemeinsam mit dem Drummer Klaus Q Hedegaard Nielsen, Lyrik zu Musik. Oder wie Søndergaard es zu Beginn der Performance formulierte:

 »We move from meaning to not meaning«

Aber auch diese Wortklänge hinterließen eine Bedeutung; einen Eindruck was Literatur so alles kann, wenn man sie mit anderen Künsten in einen Raum steckt. Wie auch beim Laden für Nichts, ein aus Spanplatten gezimmerter, wandernder Ausstellungs- und Aktionsraum (initiiert durch Uwe-Karten Günther) der auch Teil des forum:autoren war; in und an welchem sich nicht nur Beteiligte, sondern auch das Publikum wort- und kunstreich austoben konnte.

Außerhalb des forum:autoren 

15 Stunden täglich (von 8 bis 23Uhr) kann bei der 55.Münchner Bücherschau im Gasteig in allerhand Literatur gestöbert werden; im Gasteig, wie auch im Literaturhaus finden noch einige weitere Lesungen statt; ebenso beherbergt das Literaturhaus den Markt der unabhängigen Verlage (6. und 7.Dezember), der am 5.Dezember mit dem Preis für einen bayerischen Kleinverlag (Preisträger ist der Volk Verlag) eingeläutet wird. Zwei weitere Auszeichnungen werden im Rahmen des Literaturfestes am 29.November (LiteraVision mit öffentlicher Jurysitzung am 28. und 29.November) und am 1.Dezember (Geschwister-Scholl-Preis) verliehen.

Info: Hier geht es zum eigens für das Literaturfest kreierten Blog.


Lyrik im Kopf. Lyrik im Kabinett.

Prosa lässt in meinen Gedanken ganze Szenarien entstehen. Lyrik hingegen einzelne Bilder, die im Einzelnen intensiv sind. Wie Anaïs Nin in einem ihrer Tagebücher aus einem Leseerlebnis heraus über den lyrischen Roman Paulina 1880 (1925) des französischen Schriftstellers Pierre-Jean Jouve schreibt:

»Mit der Droge der Poesie gehen Wahrheit und Hellsicht leichter ein […] Sprache wird zur magischen Arznei. Der Rhythmus steckt an, und die fließenden Bilder strömen unmittelbar, ohne Ablenkung in das Unterbewußte hinab.«

»Pierre-Jean Jouve beschreibt eine Welt, in der Visionen, Halluzinationen, Symbole, die wir normalerweise in unser nächtliches Erleben wegdrängen, in vollem Tageslicht […] auftreten, in denen Wünsche und Fantasie, Traum und Aktion, Träumerei und Leidenschaft ineinander verschmelzen. Er versucht gar nicht, alles und jedes zu erleuchten […] Im Leben kommen die Erleuchtungen plötzlich […] wir schöpfen höchste Freuden aus Illusionen.« (Die Tagebücher der Anaïs Nin, Band 2)

Ihre Beschreibung hat mich neugierig gemacht. Der Roman ist bestellt (Suhrkamp 1970, aus dem Französischen von der Schriftstellerin und Übersetzerin Elisabeth Borchers). Bald mehr Lyrik in meinem Kopf – vielleicht auch bald mehr davon auf der schreibstation.

Hier in München findet Lyrik vor allem im Lyrik Kabinett statt, versteckt in einem hübschen Hinterhof in der Amalienstraße (83a). Poesie pflastert die Steine auf dem Weg hinein. Das Kabinett wurde 2003 als gemeinnützige Stiftung gegründet und bietet regelmäßig allerhand verschiedene Veranstaltungen lyrischer Natur, und eigene Publikationen, die »den Erhalt und Ausbau der internationalen Lyrik-Bibliothek« sichern sollen. Eine Hochburg der Lyrik, mitten im Universitätsviertel. Es lohnt sich, mal einen Fuß über die Poesie zu setzen!

 

 


»Sehnsucht rief und Sehnsucht antwortete« – Der Zauber des Schwertes. Die Frau im Krieg.

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»Seit Tagen wartete Steffi Römer auf diesen Brief […] Etliche Tage vor Beginn der Theaterferien erschien der Briefträger und brachte den dicken, eingeschriebenen Brief mit der Purpurmarke und dem Poststempel „Berlin“. Steffi schenkte dem Briefträger in ihrer überströmenden Seligkeit ein Fünfmarkstück […] und entfaltete langsam, die Vorfreude voll ausgenießend, das Schriftstück, das ihre Träume solange umgaukelt hatten […] der Kontrakt zu einer Tournee durch Amerika.«

Etwas Wundervolles ist geschehen! Steffi Römer, die Protagonistin in Carry Brachvogels Schwertzauber (1917) – begnadete Schauspielerin, umworbene Ehefrau, Liebling von Allen – hält das Ziel ihrer Träume in den Händen: eine Tournee durch Amerika. Eben noch hat sie ihren Mann Rudolf davon überzeugen können, ihn und die Kinder für Wochen allein zu lassen, da bricht der Erste Weltkrieg aus. Das Schwert zerschlägt die Seifenblase, der Traum zerplatzt. Vielmehr: Er wird zum Albtraum. Die Theater schließen. Und Steffi, die in erster Linie für die Bühne lebt, fühlt sich wie ein »Luxusgegenstand von gestern« – vollkommen fehl am Platz, identitätslos und ohne Verständis aus ihrer Umwelt, für die nur noch der Krieg Thema ist.

»Steffi Römer sah mit gepreßtem Herzen und erschrockenen Augen auf eine Welt, die sie nicht mehr verstand.«

»Aber, liebe Steffi, jetzt kommt es doch wahrhaftig nicht aufs Theaterspielen an. Jetzt geht es um ganz andre Dinge, und es ist ganz gleichgültig, ob die Theater spielen oder nicht!«

Jetzt schert sich niemand mehr um die Kunst. Jetzt wird ein anderes Spiel gespielt, das »Ringelspiel der Qual«. Denn das Schwert, in dem ein »geheimer Zauber verborgen« liegt, schwebt auch über Steffis Haus: Rudolf, der sonst nur in die Geisteswissenschaft verbissen ist, meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst.

»Jäh war die Vaterlandliebe […] erwacht und sie loderte in mystischen Verzückungen.«

»Oh, du ahnst ja nicht, wie hinreißend schön es ist […] mit den Jungen hinausziehen zu dürfen! […] Ich muß meine Pflicht tun, wie alle andern, und du mußt es tragen, wie alle andern Frauen es tragen.«

Die Männer ziehen von dannen, erfüllt von stolzem Tatendrang. Die Jungen blicken sehnsuchtsvoll zur Front. Mich erinnern diese Schilderungen des »Schwertzauber[s]« an Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque. Der Roman erschien 1928 und wurde 1930 erstmals von Lewis Milestone (Produktion Carl Laemmle) verfilmt. Buch und Film habe ich vor Jahren gelesen und gesehen – bis heute erinnere ich mich an viele Zeilen und Szenen über den Ersten Weltkrieg aus der Sicht eines jungen Soldaten. Voll Euphorie zieht er mit seinen Freunden in den Krieg. Was ihnen am Ende bleibt sind Schmerz und Tod. Was Steffi bleibt sind ein leerer Schreibtisch, Tagebücher und ein Testament – ein Trauerspiel, das als Beispiel für das Dasein tausender Frauen damals steht: Ein Leben, das kein Leben ist. Bestehend aus hoffen, bangen und warten. Oder wie Carry Brachvogel es beschreibt:

»Kaum je haben wir gefragt, welche Wechselwirkungen zwischen der Frau und dem Krieg bestehen. Krieg und Frau, die beiden Worte scheinen sich ja auch so unversöhnlich gegenüberzustehen, daß man sich gar nicht vorstellen kann, welch anderen Teil die Frau vom Krieg haben sollte als Bangen, Not und Tränen.«

Schwertzauber handelt also vor allem davon, was der Krieg für die Frau bedeutet. Und die Schriftstellerin beschreibt und beurteilt auch in diesem Roman wieder ein Gesellschaftsthema ihrer Zeit anhand eines Frauenschicksals – in ebenso scharfzüngiger und eingehender Sprache – wie sie es bereits in ihrem Erstlingswerk Alltagsmenschen (1895) getan hat. Die Frau als Zurückgebliebende und Wartende. Allein die Schrift bestimmt ihren Alltag. Die Feldpost wird herbeigesehnt, als gäbe es keine Morgen mehr. Denn jeder Brief könnte genau das bedeuten. Die Nachricht von der Front wird zum unverzichtbaren Lebensinhalt. Das geschriebene Wort ist das Ventil aller Gefühle und Gegebenheiten, die der Krieg mit sich bringt. Es ist das einzige Bindeglied, der Vermittler, der Hoffnungsträger und das Richtschwert.

»Nun war er fort, und Tag für Tag wiederholte sich die Frage: „Kommt heute ein Brief?“ […] Sehnsucht rief und Sehnsucht antwortete […] Wenn ein Brief oder eine Karte kam, schien jedesmal für ein paar Stunden die Welt in Sonne getaucht […] Verging aber Tag auf Tag, ohne daß sie Nachricht hatte […] dann stand sie mit tausend und abertausend andern unter dem Schwert. […] Da wurde ihr schwarz vor Augen. Es war ihre eigene Handschrift, die sie jetzt auf dem Umschlag erkannte. Der letzte Brief, den sie an ihren Mann gerichtet hatte, kam zurück und quer über die Adresse hatte eine fremde, ungeschickte Hand geschrieben: „Ist den Heldentod gestorben“.«

»Konnte, ja mußte man da nicht eigentlich eine Falschmeldung glauben und im Herzen Hoffnung hegen [..] Steffi hoffte, und weil sie hoffen wollte, war sie immerfort auf der Suche nach einer Spur, die sie zu Rudolf hinführen konnte […] Allmählich aber […] begann für sie jene Marterzeit, die nicht einmal der ermessen kann, der um einen Toten weint, sondern nur der, dessen Herz einmal draußen, in der weiten Welt, einen Verschollenen suchte. Denn es gibt wohl Worte, die eine größere Tragik umreißen, aber keines, das so armselig, so trostlos wäre, wie das Wort „verschollen“.«

Schwertzauber ist das dritte Werk von Carry Brachvogel, das beim Münchner Allitera Verlag in der edition monacenisa, herausgegeben von der Monacensia, (Münchner Literaturarchiv und Bibliothek), erschienen ist. Da mir bereits Alltagsmenschen gefallen hat, kam ich nicht umhin, auch Schwertzauber zu lesen. Und wieder bin ich überzeugt! Vom Können der Schriftstellerin und davon, dass es höchste Zeit war, sie zu veröffentlichen. Und wie Carry Brachvogel den Zauber des Krieges einfängt, geht für mich schon immer von der Feldpost meines Urgroßvaters ein Zauber aus. Die Zeilen eines Sanitätssoldaten, der im Zweiten Weltkrieg in Russland, Stalingrad, stationiert war, strahlen einen unschätzbaren Wert aus. Denn seine Worte kreieren das Bild eines Menschen, den ich nur von einem Foto kenne und öffnen die Tür zu einer anderen Welt. Auszüge aus dem Osten vom 25. Oktober bis zum 30. Dezember 1942 – das Datum seit dem er als vermisst gilt:

»Liebe Frau u Kinder! Nun will ich dir einige Worte schreiben […] Wir hatten das Glück die heilige Kommunion zu empfangen. der Gottesdiensdt war in einem zusammengeschossenen Haus. Wir sagen einige Lieder die Orgel war das getöse der Kanonen u Bomben. Es wird Tag u Nacht geschossen ununterbrochen. Es ist die wahre Hölle hier […] Nun liebe Frau, schike u schreib mir jetzt fleißig. Ich warte mit schmerzen auf Antwort bin bis jetzt noch Gesund u am leben […] Hoffentlich darf ich euch Wiedersehen […] Es sind harte Kämpfe hier ich hätte es mir nie so vor gestellt. Aber da vergeht einem hören und sehen. Nun liebe Frau u Kinder ihr werdet wohl mich nicht vergessen […]

[…] sollte es schief gehen so bleibe bei den Kindern und auch bei mir weist schon wie ich meine […] Aber ich Hoffe dass ich euch wieder sehen darf. Also auf ein frohes Wiedersehen. Wann weiss ich auch nicht aber die Zeit wird auf einmal kommen. Ich hoffe das beste […] aber nochmals Liebe Frau muss ich dir schreiben mach dir keine Sorgen […]

[…] Vielleicht hast du schon etwas gehört von unserer Lage dann kannst du dir es schon denken warum wir keine Post bekommen […] Habt ihr auch eine warme Stube. Nun kommt bald das Weihnachtsfest da wäre es hald schön zu Hause bei euch meine Lieben. Must eben du liebe Mutter den Christbaum nachen und dabei an mich denken. Haben die Kinder auch Schuhe auf den Winter. Wir haben schon ziemlich Schnee und Kalt […] Ich weiß es ist ein schweres Weihnachten für dich aber sei zufrieden und bete mit den Kindern […] schik mir doch etwas zu Essen bei uns ist es wirklich etwas gnab. ein Stueckchen Brot im Tag […] 

[…] Es ist Abend Samstag u in 6 Tagen Weihnachten. Da kannst du dir schon denken, wo die Gedanken sind. Und bis jetzt noch kein Weihnachtspaket und einen mächtigen Hunger. Liebe Frau dieser Brief hat mir nicht so recht gefallen. In dem du schreibst warum die anderen noch […] u ich in Russland ich kann eben nichts machen. Die anderen Kameraden sind auch bei mir. Es sind auch schon einige Verwundet u gefallen. bis jetzt bin ich ja noch Gotlob verschont geblieben. Es gruesst und kuesst dich also herzlich Anton […]

[…] Liebe Frau habt ihr auch gut Weihnachten gefeiert. Ich hatte kein Weihnachten. Ich hatte dienst über alle Feiertage bei Tag u Nacht. Ich werde diese Tage nie vergessen und wenn ich einmal bei Euch zu Hause bin dann werde ich euch diese Sachen erzählen […]

[…] schreib mir alles was du mir wieder weist und was über Weihnachten alles vor sich ging. du weist ja liebe Frau dass ich imer etwas neugierig bin es würde dir auch so gehen. Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen! Viele Gruesse und ein gutes Neujahr an euch alle. Gruss und Kuss führ dich und Kinder. Nochmals Gruss!«

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Titel: Schwertzauber; Autorin: Carry Brachvogel; Allitera Verlag München; Mai 2014; edition monacensia; Monacensia – Literaturarchiv und Bibliothek (Hrsg.), Paperback; 168 Seiten: 12,90 Euro.

Bild oben: Allitera Verlag


»Oh Herr Jesus barmherziger Sankt Nikolaus!« – Tolstois »Macht der Finsternis« im theater…und so fort

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Motorengeräusche und Hühnergegacker, tosender Wind und schauderhafte Musik  ein Bauernhof im Nirgendwo. Die Bäuerin Anisja und ihre Tochter Anjutka kommen singend hinter schrägen Holzlatten hervor: »He ho spann den Wagen an, denn der Wind treibt Regen übers Land…«  Die Macht der Finsternis fängt beim Wäsche waschen an. Und das Drama in fünf Akten, das Leo Tolstoi (Krieg und Frieden, Anna Karenina) 1886 vollendet hat, wirkt bereits ab diesem Zeitpunkt hämisch fies. In Russland war es bis 1902 verboten. Die Uraufführung fand 1888 in Paris statt und in München lässt sich das Stück in einem Hinterhof finden  auf der Bühne des theater…und so fort. Die gleichnamige Theatergruppe besteht seit 1989 und bespielt seit 2009 die ehemaligen Räumlichkeiten des Unterton Theaters in der Kurfürstenstraße 8. Eine Treppe führt hinunter in den Theaterraum mit Bar, das Publikum sitzt in schummrigem Licht auf knarzenden Holzstühlen. Ein perfekter Ort, um in die Finsternis einzutauchen; in ein durchweg grandioses Schauspiel; in eine Geschichte, die es in sich hat oder besser gesagt: die sie in sich hat die tiefsten menschlichen Abgründe. Anisja sehnt den Tod ihres tyrannischen todkranken Mannes Pëtr herbei (»Erst hat er nicht leben können, jetzt kann er nicht sterben«), denn sie will sein Geld und sie will Nikita, den Knecht des Hofes, mit dem sie seit einiger Zeit eine Affäre hat. Wenn es nach dessen Vater Akim geht, soll Nikita allerdings Marinka heiraten, ein Waisenmädchen, dem er sich scheinbar vor einiger Zeit versprochen hat. Doch Nikita will Marinka nicht. Er will eigentlich überhaupt keine Frau (»Ihr Weiber seid wirklich ein komisches Volk«), schließlich reiten sie ihn nur ins Unglück (»Die wollen mich da irgendwo hineinsziehen«), aber dennoch kann er nicht die Finger von ihnen lassen (»Wenn ich all die Weiber heiraten würde, käme ein schöner Haufen zusammen«). Er heiratet also Anisja, nachdem sie mit Hilfe seiner Mutter Matrjona den Bauern vergiftet hat (»Sieben mal ein kleines bisschen und dann wird sich bald die Freiheit auftun«). Denn Matrjona sieht wiederum nur den Reichtum, der ihrem Sohn winkt, wenn er die Bäuerin zur Frau nimmt. Mit den sittlichen Vorstellungen ihres Mannes kann sie nichts anfangen.

»Mein Alter quatscht sich da was zusammen […] Lass mich mal reden. Mein Mundwerk ist besser geschmiert.« (Matrjona)

»Ich fasel? Ich fasel? Und was ist mit Gott?« (Akim)

Überhaupt scheint Akim die gute Seele des Stücks zu sein, der Sittenrichter, der Moralapostel.

»Die Tränen der Gekränkten fallen immer auf das Haupt des Schuldigen […] An jeder Sünde klebt eine andere Sünde […] Nikita, vor den Menschen kannst du es verbergen – vor Gott nicht.«

Und am Ende behält er Recht. Nikita übernimmt den Hof, verführt Anisjas Stieftochter Akulina und verprasst das gesamte Geld mit ihr. Doch als er sie schwängert, hat der Spaß ein Ende. Anisja und Matrjona zwingen ihn, das Neugeborene zu töten, Akulina wird mit einem anderen verheiratet und Nikita bricht auf der Hochzeit unter der Last seiner Sünden zusammen. In Die Macht der Finsternis spielen sich Moral, Sitte, Eifersucht, Habgier, Herrschsucht und Neid gekonnt gegeneinander aus. Einzig der übertrieben modern inszenierte Prunk in Pelz und pinker Perücke will nicht ganz passen, als Nikita mit Akulina nach einer durchzechten Nacht in das bäuerliche Bühnenbild torkelt. Allerdings: »Der Teufel ist der größte Aufschneider!«, kommentiert der Knecht Mitric die Szene treffend. Und wer könnte sich mehr in Szene setzen? Die Musik aus dem Rekorder wird aber schnell von Anjutka durch Klänge aus einer Spieluhr ersetzt. Überhaupt scheint die Kleinste den naivsten Spaß an dem bösen Treiben zu haben. Mit herausstechend kindlicher Stimme stimmt sie die einzelnen Akte an, hüpft singend über die Bühne oder liest aus einem Gedicht. Als wären Musik und Literatur Mittel gegen die Macht. Und Frohsinn der Feind der Finsternis. Ihre Frohnatur macht die Abgebrühtheit der Anderen jedenfalls erträglicher, die vor allem Matrjona versprüht. »Ach wie froh könnte man sein, wenn man nicht sündigen müsste«, sagt sie, während sie abwartet, dass Nikita das frisch geborene Enkelkind im Keller verscharrt. Sie handelt frei nach dem Motto: »Ich seh nur, was ich sehen soll. Was ich nicht sehen soll, das seh ich nicht.« Und »Kein Hahn kräht danach!«, meint sie nach getaner Tat und im Hintergrund scheint das Gegacker immer lauter zu werden. »Die machen ne große Schweinerei«, sagt der Knecht nur dazu. Und immer wieder: »Oh Herr Jesus barmherziger Sankt Nikolaus!« Mehr fällt einem nach so einer überzeugenden Darstellung tiefster Verwerflichkeit dann aber auch nicht mehr ein.

Info: Den aktuellen Spielplan gibt es hier.

Bild: theater…und so fort