»Musik ist intuitiver« – My Sister Grenadine sound so

Vincenz Kokot hört genau hin: Seine Gedichte liest er laut, um zu hören, was ihnen fehlt. Seine Songs spielt er, um zu hören, was sie zu sagen haben. Seit 2007 besteht sein musikalisches Projekt My Sister Grenadine, das viele Gesichter hat, vor allem aber drei, neben Vincenz (Ukulele, Gitarre, Gesang) das von Frieda Gawenda (Horn, Flügelhorn, Gesang) und Sebastian Kunas (Perkussion, Keyboard, Gitarre, Gesang). My Sister Grenadine ist wandelbar. Sie ist nicht leicht zu fassen und festlegen lässt sie sich auch nicht. Sie hat jedoch viel zu sagen – genau hinzuhören ist also genau richtig.

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Was ist für Dich die Verbindung von Lyrik und Musik?

Der Text! Musik ist keine Lyrik, aber Musik ist lyrisch. Ich mag es, wenn Songtexte so klingen, als wären sie Gedichte. Diesen Anspruch habe ich auch an meine Musik, also Songtexte zu schreiben, die in dem Song toll klingen, aber auch für sich selbst stehen könnten, wie ein Gedicht – nur dass ein Songtext eben kein Gedicht ist.

Warum ist ein Songtext kein Gedicht?

Vielleicht steht der Songtext mehr in Interaktion und Kontext. Er wird von Klang begleitet, wird gesungen, wird vorwiegend live performed. Das Gedicht braucht das alles nicht. Meine Lyrics sind also in diesem Sinne keine Lyrik, sie fühlen sich aber in gewisser Weise so an. Als wären sie eine eigene Form von Gedicht. Und es macht natürlich auch einen Unterschied, Songtexte auf Englisch zu schreiben und Gedichte auf Deutsch. Das ist ein ganz anderer Rhythmus.

Wie entscheidest Du, ob Du ein Gedicht oder einen Songtext schreibst?

Ich glaube, bei Gedichten achte ich mehr auf eine gewisse Präzision der Sprache. Wenn ich nur mit Sprache arbeite, ist das mehr an den Verstand geknüpft. Wenn ich einen Song schreibe, habe ich oft erst die Klänge, die Laute und die Stimmungen, daraus entsteht dann der Songtext. Musik ist intuitiver, Lyrik ist überlegter.

Was war bei Dir zuerst da, die Lyrik oder die Musik?

Ich schreibe schon länger Gedichte, wobei meine ersten Gedichte natürlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Mit 16, 17 habe ich angefangen, Musik zu machen. Meine Familie ist sehr literarisch, es ging immer um Worte, immer um Bücher, es wurde immer geschrieben. Aber es gab auch immer Musik. An meine erste Gitarre bin ich aber eher durch Zufall gekommen. Meine Tante wollte Musiklehrerin werden, das wurde sie dann doch nicht, und ihre Gitarre stand ewig auf dem Dachboden. Als meine Oma umgezogen ist, habe ich die Gitarre dann bekommen und ziemlich schnell angefangen, Songs zu schreiben, und auch, meine Gedichte mit der Musik zu verbinden. Diese Anfänge klangen schrecklich, die habe ich auf dem alten Tonbandgerät meines Opas aufgenommen. Ich habe mir dann über die Jahre einfach alles zusammengepuzzelt, das Gitarrespielen, das Schreiben, den Gesang. Das hat dann einfach alles irgendwann zu mir gehört. Aber es hat lange gedauert, bis ich dieses Selbstbild verinnerlicht hatte, dass ich nun Musiker oder Künstler bin.

Wann ist ein Songtext ein guter Songtext?

Meist sagt mir der Text, wann er gut ist. Es gibt Texte, die sehr schnell fertig sind, Texte, an denen man ewig arbeitet, Texte, die sich ständig verändern. Das ist sehr unterschiedlich und nichts ist ausgeschlossen. Es gibt Zeilen, die jahrelang rumliegen und plötzlich passen sie perfekt zu einem Song. Manchmal ändere ich auch hier und da noch ein Wort bei einem Auftritt oder bei der Aufnahme. Ich mag es, wenn sich meine Lyrics immer mal wieder verschieben.

Und wie entsteht ein Song für My Sister Grenadine?

Die Grundstruktur schreibe ich, also die grundlegende Komposition und den Text, und dann überlegen wir uns die Arrangements zusammen in der Band. Die Struktur verändert sich dann oft noch, mal spielen wir etwas kürzer, mal etwas länger oder wir bauen noch ein paar Teile ein. Das ganze Projekt hat sich ja seit 2007 auch immer wieder verändert, es steht sozusagen in einem beständigen Wandel, und das nicht nur hinsichtlich der Songtexte.

Warum My Sister Grenadine?

Ich mochte das Wort grenadine einfach und wollte es mit einer fiktiven Person verknüpfen. Ich wollte jemanden beschreiben. Und diese Person auch immer mal wieder verändern. Und irgendwann ist so ein Name auch einfach ein Selbstläufer, dann ändert man ihn auch nicht mehr.

Wie würdest Du Eure Musik beschreiben?

Es ist Musik, die Aufmerksamkeit fordert, die minimalistisch arbeitet, die sehr mit dem Publikum verbunden ist. Es gibt keinen klassischen Aufbau. Alles ist ein bisschen schräg, seltsam, sonderbar, aber eben auch Popmusik. Und eine wichtige Rolle spielt auch, dass wir mit unserer Wirkung auf der Bühne arbeiten, mit Bewegungen und Ausdruck, mit performativen Elementen.

Was will der Song Survival Kit sagen?

Survival Kit handelt von verschiedenen Menschen und von der verkorksten Art und Weise, wie Menschen sich verpassen, wie sie miteinander und doch ohneeinander sind, auch wie sie sich verletzen. Es gibt die Stelle, an der jemand im Kühlschrank sitzt und jemand anders losfährt, um einen Schlafsack zu holen, damit derjenige im Kühlschrank nicht friert. Das ist dann das Survival Kit, daher der Titel. Der Song erzählt vielleicht auch davon, dass gerade das Gefühl von Nähe und Verbundenheit auch der Grund sein kann, warum Menschen nicht zueinander finden.

Hast Du eine Lieblingszeile?

Da ist schwierig. Ich hoffe, dass der Song starke Bilder hat, die mit wenig viel erzählen. Und ich singe das Ende gerne, diese Wiederholung von Could you please stand in line, would you stand in line

 

Survival Kit – reinhören und rauslesen:

 

https://mysistergrenadine.bandcamp.com/track/survival-kit

 

so how long since she

managed not to break your nose

and how short until

that day is long ago

 

I took the stairs up while

you waited for the elevator

to come down

 

could you please calm down

 

and how long since she

dropped no coins on

a kitchen table

some water was boiling

 

you took the long way through

the bathroom door

I stood there on a window sill

trying not to look down

 

could you please keep still

 

so how close to the

orange suburban skies

and how far from her

pulse running out of time

 

you stayed in the refrigerator

without a survival kit

I focused on the map to get where

they are selling sleeping bags

 

could you please stand in line

would you stand in line

could you please stand in line

would you

could you

 

My Sister Grenadine in Aktion:

 

My Sister Grenadine live: 7.12. Bielefeld / House Show; 8.12. Hamburg / Warenwirtschaft; 9.12. Greifswald / Café Koeppen; 14.12. Halle / Lila Drache; 15.12. Leipzig / Horns Erben; 19.12. Berlin / Schokoladen; 11.1. Frydlant (CZ) / Jazzova Osvezovna; 12.1. Stramberk (CZ) / Festival Štramberské pyré

Foto: Benyamin Reich

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songday #vier: All That I Am

 

Ian Late hören… und abheben.

 

 

Im Herbst auf Deutschland-Tour!


songday #drei: Don´t Make Me A Fool

 

Violetta Zironi hören… und in den Tag flanieren.

 

 

06. November / The Sebright Arms / London
13. November / Baumhausbar / Berlin
20. November / Kukuun / Hamburg

 


songday #zwei: Fingertips

 

Ailbhe Reddy hören… und mit den Fingern auf dem Tisch tippen.

 

 

13. September / 20 Uhr / Auster Club / Berlin

 


»Lyrics can be tricky!« Emma Elisabeth sound so.

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Ich bin etwas früh dran, als ich an diesem Mittwochabend am Treptower Park ankomme, um Betty zu treffen. Einen genauen Ort haben wir nicht ausgemacht, also gehe ich raus aus der S-Bahnstation und schreibe ihr, dass ich an der Bushaltestelle auf sie warte, »Rote Haare und Sonnenbrille« ergänze ich, nur zur Sicherheit. »Will be there in 5 minutes!« kommt prompt zurück und ein Smiley dahinter. Sympathisch. Fünf Minuten später gehen wir Seite an Seite durch den Park, holen uns etwas zu trinken, setzen uns an die Spree, in die Sonne, und sind schon mitten im Gespräch. Betty, eigentlich Emma Elisabeth, kommt aus Schweden, aus der Nähe von Malmö. Seit sechs Jahren lebt sie in Berlin, musikalisch ist sie allerdings schon viel länger unterwegs…

Why do you make music?

Betty: Basically, I never even thought about it. It has always just been like that. My parents do music and we used to play at home. They put me into a choir when I was five and I started playing piano and flute and guitar and I always sang a lot it school. I started writing when I was 16, terrible songs (laughing), but that was the point, I really got into music. And after school I just continued. I studied Music in Stockholm and I started working with a lot of people in different projects and one thing just came to the next.

Have you ever thought of doing anything else?

Betty: No! Not really. I had some other jobs but mostly they also had something to do with creativity and music. Like I gave music lessons to kids for example.

Is there something you do in Berlin besides your own music?

Betty: I do a lot of songwriting together with other people and also for other people, and I teach a bit. As musician you have to be kind of flexible and I think, it helps to have some different projects to make your way. It´s a nice compensation to your own music and it´s inspiration too.

Do you write the lyrics yourself?

Betty: Mostly I write the lyrics myself because the things I want to sing about are always very personal. So as it´s my music, it has to be my lyrics. But sometimes I write together with someone else, just throwing ideas back and forth. But I have to feel connected to the lyrics. It took a long time for me to write songs that really feel sincere. I´s not that easy to find your voice. I found mine while I went through my first breakup, thereby I started to write for real.

What comes first when you write a song, the melody or the lyrics?

Betty: Usually I write the melody first. I play some chords and make a melody out of it. And then I write the lyrics. Sometimes you can have one line and come up with the melody and I know people writing the lyrics first, but I do it the other way around. I´m very much a melody person! The main thing in my songs is the vocal melody. And lyrics can be tricky! They have to sound good, but there are a lot of words meaning cool things, but they don´t sound good.

What makes great lyrics for you besides the sound of the words?

Betty: I don´t like listening to lyrics, which try to be very clever, but I like simplicity in a clever way. Lyrics should not throw everything right in your face. They can be poetic, but they have to be written in a way everyone understands. Music has more heart than brain, so lyrics can be cheesy, but if you mean, what you´re singing, it´s just what you feel. So it´s just honest and I don´t like, when people try to work to much against that. I really enjoy that kind of honesty in lyrics.

How do you come up with the lyrics?

Betty: I gather thoughts! While I travel or just from the experience I make, the things I go through. I write down sentences or words and I go back to this little things for my lyrics. And sometimes I get ideas from movies or things like that.

What brings me to my next question: Does literature influence your writing?

Betty: Yes, it does. It can also give you pictures and feelings. Lately I´ve been reading Murakami or Bukowski and I also love to read biographies from other artists, like Patti Smith or Dolly Parton. All these stories are incredible inspiring.

What is the story behind Where Do Tears Go?

Betty: I started writing the song at night, while I was in Los Angeles. I was just singing something and basically I had the chords when I worked with a friend the next day. We finished the song together.

One day, one song?

Betty: Yes! It was one of these songs which came out quite easily. In that case the melody and the lyrics for the chorus came very simultaneously, and this sentence really stucked on me: Where do tears go when they fall. It´s like an open question. I mean, where do tears go when they fall? What happens to all this sadness when they go away? When something ends, like an emotion. It can just disappear, but what happens to it? Emotions are so strong in one moment and in another one they´re just gone and you don´t understand the situation or you dont´t understand yourself, why you even had that emotion. So you´re left with a lot of questions. It´s one and a half year ago I wrote the song and I wrote about things going on in my life in that moment, but I wasn´t really aware of it. I realized it afterwards. And that´s how it works, there is something inside of you just wanting to come out…

Is there a favorite line you like to sing in Where Do Tears Go?

Betty: There are so many! But I think, it´s the main line.

 

Where Do Tears Go – reinhören und rauslesen:

 

Tonight

I didn’t plan to answer your call

I was alright

Didn’t see it coming

I don’t get you

And I suppose I never will

No I don’t get you

But I want to

 

So would you tell me 

Where do we go when we’re dreaming?

Tell me why we’re leaving

Where do tears go when they fall?

Tell me what it’s good for

Tell me, where did we go?

Where do tears go when they’re gone?

 

Today

Everything took a different turn

Now you say

That you need a little time

I don’t know why

But there’s not much that I can do

No I don’t know why

But I’ll try

 

So would you tell me 

Where do we go when we’re dreaming?

Tell me why we’re leaving

Where do tears go when they fall?

Tell me what it’s good for

Tell me, where did we go?

Where do tears go when they’re gone?

 

I try to read you like an open book

Pages torn out, I don’t know where to look

If I wait right here maybe time will tell

It’s never gonna end up well

 

So would you tell me 

Where do we go when we’re dreaming?

Tell me why we’re leaving

Where do tears go when they fall?

Tell me what it’s good for

Tell me, where did we go?

Where do tears go when they’re gone?

 

Emma Elisabeth live: 24. August Leipzig / Pool Garden; 25. August Mannheim / Brückenaward; 28. August Potsdam / Bar Rueckholz; 2. September Berlin / Wasserfest

 

Foto: Gladsome Fotografie


songday #eins: Garden Of Potential

 

Wolf & Moon hören…und dahinträumen.

 

 

Ich bin weg, bin einfach drauf los, am Meer, mit Sonne, überall, Wind im Gesicht, Weitblick, Flügel, die wachsen.

 

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»I should probably read more books« Jonas Alaska sound so.

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2017 beginnt mit einem Blick in den Rückspiegel, auf die Rückbank – In the Backseat mit Jonas Alaska. Der 28jährige Singer-Songwriter stammt nicht aus Alaska, aber aus ebenso kalten Gefilden; aus Norwegen. Dort ist er mit seinen drei Alben Jonas Alaska (2011),  If only as a ghost (2013) und Younger (2015) längst bekannt. Letztens war Jonas Alaska in Berlin, im Auster Club. Meine Fragen beantwortete er vor dem Konzert spontan per E-Mail. Seine Musik klingt nicht nach kalt, sie klingt nach warm, nach Umherhüpfen, nach Kopfwippen, nach Füßewackeln. Nach beschwingt in ein neues Jahr tanzen. Nach sich selbst nahe sein: In the backseat, you can find out who you are…

schreibstation: Why do you make music?

Jonas Alaska: Because I like doing it. I’ve always liked music and I’ve always liked creating things.

schreibstation: Do you write the lyrics yourself?

Jonas Alaska: Yes, I write them myself.

schreibstation: What make great lyrics for you?

Jonas Alaska: When people find a new angle to a common theme. And I like people who are good with hidden rhymes and stuff like that.

schreibstation: How do you come up with the lyrics?

Jonas Alaska: In different ways. It’s usually when I see a different angle to something I’ve been thinking about for a while. I write down new words and sayings when I hear them in movies and series. The best lyrics just show up out of nowhere though.

schreibstation: What is the importance of lyrics in your music?

Jonas Alaska: I think it is very important. And I like that it is a big part of my act but I need good chords and melodies for the lyrics to work.

schreibstation: Does literature influence your writing?

Jonas Alaska: It does, to some degree I think. I’m reading Madame Bovary by Flaubert at the moment, not sure if there is gonna come any song from that. But I’m sure reading books expands my imagination. I should probably read more books.

schreibstation: What is the story behind In the Backseat?

Jonas Alaska: I wrote it when I was living in Liverpool. The chorus just popped into my head and I wrote the verses around that. I’ve always, since I was a child, liked sitting in the backseat of a car and collect my thoughts. It’s the perfect place to do that.

schreibstation: Is there a favourite line in the song?

Jonas Alaska: It’s a long time since I wrote it so it’s hard to remember what I was thinking but I kind of like the second verse with the liars, the losers and everyone playing in bands.

In the Backseat – reinhören und rauslesen:

I’ve been a lot to the movies lately
The last one ruined my heart
I saw the world go down and under,
Everything just fell apart

But in the backseat,
In the backseat of the car
What a place to think things through
In the backseat,
You can find out who you are,
And decide what you should do

When a horrible night is over,
And I’ve got dirt on my hands
I’m so sick of the liars,
The losers and everyone playing in band

But in the backseat,
In the backseat of the car
What a place to think things through
In the backseat,
You can find out who you are,
And decide what you should do

Oooh, oh, oh, oh, oooooooh
Oooh, oh, oh, oh

Been alone for a long, long time now
I’ve been sleeping all day
I’ve been sitting on my bed
Alone without anything good to say

But in the backseat,
In the backseat of the car
What a place to think things through
In the backseat,
You can find out who you are,
And decide what you should do

Foto: Jesper Spanning