» Es regnet noch immer. «

Also lese ich wieder einmal in Anaïs Nins Tagebuch und stöbere durch ihr Leben, damals in New York, mit Blick nach draußen, auf die untertauchende Welt und ein Zitat, aufgeschrieben von ihr am 15. Juli 1919:

» Es gibt eine Traurigkeit der Jugend […] ein Fieber des wütenden Staunens darüber, daß die Welt so banal enttäuscht und daß das Leben so schnell nach Mißerfolg aussieht. Sie ist vielleicht schwer zu erklären, aber sie beinhaltet um so mehr Erschöpfung und Sehnsucht, weil derjenige, der auf diese Weise bedrückt ist, das undeutliche Gefühl hat, daß es der Vernunft und der Natur zuwiderläuft, von der Fröhlichkeit der Freude abgeschnitten zu sein, lebensmüde zu sein, noch ehe das Leben begonnen hat. «

Henry van Dyke – The Lost World

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»Ersticke deine verrückten Träume nicht.« Anaïs Nin, ein Tagebuch

Zwischen den Jahren eine Brise Anaïs Nin. Aus einem Tagebuch, einem ihrer frühen Tagebücher, das mir in einem Berliner Antiquariat unverhofft in die Hände gefallen ist. Von Sommer 1920 bis Sommer 1921 geht es; nun ist Winter 1920. Ein halbes Jahr habe ich in den letzten Tagen eilig verinnerlicht, ein halbes Jahr liegt noch vor mir. Philosophisch ist es, sensibel, melancholisch, sarkastisch und gewitzt. Immerzu verträumt. Die richtige Stimmung, ein Jahr zu beenden, ein neues zu beginnen. Anaïs Nin ist 17 Jahre, sie klingt danach und doch älter. Sie liest und schreibt viel, sie beobachtet die Bohème ihrer Zeit, sie tanzt Tanz um Tanz. Sie widmet sich ihren Träumen, nicht jenen, die sie nachts durchlebt. Jenen, die sie in sich trägt, die sie festhält, an denen sie wächst. Ein Appell. Es ist wieder einmal eine Freude in ihre Gedanken, ihre Welt einzutauchen; Satz um Satz in das Hier und Jetzt zu streuen und einen Vorsatz daraus zu ziehen: wieder Tagebuch zu schreiben.

10.Juli

»Aber so lange, bis ich alt und weise und müde bin, werde ich nicht aufhören, mich über so vieles zu wundern.«

13.Juli

»Viele Gedanken tummeln sich in meinem törichten Kopf, und ich muß schreiben, bis zum Schlafengehen.«

19.Juli

»Auf meiner kleinen Bühne, auf der die Vorkommnisse des Tages sich abspielen, stehen viele merkwürdige und interessante Figuren […].«

20. Juli

»Nein, ich bereue diese Stunden nicht, die ich damit verbringe, diese weißen Seiten mit meiner redseligen Tinte zu füllen.«

22. Juli

»Zweifelsohne sehe ich auf dem Bild sehr intelligent aus, aber in Wirklichkeit bin ich nach wie vor ein Wirrkopf.«

3. August

»[…] das Leben, das Leben. Heute Nacht fliest mein Herz über.«

21. August

»Folgende Eigenschaften scheinen für einen zukünftigen Autor unverzichtbar: Phantasie, Fleiß, Ausdauer, Geduld.«

22. August

»Nur die unglücklichen Leute, die keine Phantasie haben, haben kein Flugzeug und müssen zu Fuß gehen.«

10. September

»Und all das ist Unsinn, weil es stimmt, daß wir den größten Teil unseres Glücks selbst in der Hand halten, und was ich jetzt mache, ist Schatten suchen, statt Sonnenschein.«

13. September

»Aber tote Träume lasten schwer.«

14. September

»Gestern Abend war ich die melodramatische, bombastische, redselige und sentimentale Närrin, nichts weiter.«

»Lieber bin ich das einsamste Mädchen auf der Welt, als daß ich Leute empfange, die ich nicht bewundere.«

19. September

»Glück ist töricht, aber Kummer ist unverzeihlich.«

»Neuer Tag, neue Hoffnungen; das ewige Geschenk des Einen, der nie schläft.«

26. September

»Ein Wort ist oft der Schlüssel zu tausend anderen Worten, die miteinander verbunden ein vollständiges Bild in uns erzeugen.«

27. September

»Solche Tage sind so selten im Leben, und meine Seele ist empfindlicher als jede andere den kleinsten Dingen gegenüber.«

»Denn ich fühle, daß ich mich selbst ständig, ununterbrochen und so streng kontrolliere, daß es wirklich wehtut, wenn ich nachts schließlich zu mir selbst sage: Tu, was du tun willst.«

»[…] mein Verstand befindet sich wirklich in einem traurigen Zustand: lauter Widersprüche, Ekstasen und Zweifel.«

»Manchmal kann ich meine Gedanken und Gefühle nicht genau ausdrücken, und ich spüre, daß sie sich in meinem Inneren streiten, lachend, mal schluchzend, mal gegen die Gefängnistür meines Kopfes pochend, laut ihre Freiheit fordernd, doch immer mit einem Ziel: […] zu fliegen?«

5. Oktober

»Ich liebe das Leben, aber das Leben liebt mich nicht. Es will mich enttäuschen, doch meine Träume und ich , wir werden uns niemals trennen.«

6. Oktober

»Was für ein seltsamer Tag! Normalerweise kehre ich die Pflicht von innen nach außen, stelle sie auf den Kopf, mische sie mit meinen Freuden, meinen Studien, meinem Gesang und meinen Meditationen, und die Pflicht läßt mit sich spielen. Heute war es die Pflicht, die mich um den Finger wickelte, unnachgiebig, unbeugsam, mit eisernem Griff […].«

7. Oktober

»Ich wache allerdings nicht weiser auf aus meinen strebsamen Träumen!

11. Oktober

»Es ist, als ob man sich an einer Wolke festhält, damit sie nicht für immer verschwindet.«

19. Oktober

»[…] ich habe den ganzen Tag gesungen, damit ich nicht zuviel denke, denn immer wenn ich denke, stelle ich mir zu viele Fragen!«

27. Oktober

»Oh, wie weit meine Gedanken wandern in einer Nacht wie dieser – wie ich es liebe, so allein zu sitzen und dabei der Geschichte meines großen Abenteuers ein Kapitel hinzuzufügen.«

28. Oktober

»Ersticke deine verrückten Träume nicht.

2. November

»[…] was ich mag – die schöpferischen, einfallsreichen, phantasievollen und poetischen Züge – die Exzentrik, die wechselhaften Stimmungen, die Launen, die komplizierte und verwirrende Seele, das Künstlerherz, das weder treu noch unbeständig ist.«

»Wohin treibt diese Welt?«

16. November

»[…] dieses glänzende lärmende Leben […]«

»Ich bin eine Mischung von unverträglichen  Elementen.«

17. November

»Vielleicht bin ich von Natur aus flatterhaft, und dabei hasse ich Flatterhaftigkeit bei anderen.«

9. Dezember

»Ich glaube, daß es eine Lektion war – einfach, um mir zu zeigen, daß wir auf dieser verwirrenden Welt sind, um sie besser zu machen und dann weiterzugehen.«

11. Dezember

»[…] und ich sitze hier, um zu schreiben, und staune, warum ich mir so oft Sorgen mache über das Leben, das doch so einfach und harmlos erscheint.«

16. Dezember

»Irgendwie habe ich durch dies und das in einen anderen kleinen Winkel der Welt geblickt und es sehr komisch gefunden.«

20. Dezember

»Wenn man seine Fehler kennt, hat man sie schon halb besiegt, sagt man.«

26. Dezember

»Oh Wunder dieses Weihnachtstages! Er begann sehr früh, um sieben Uhr, denn wir mußten zur Messe gehen. Etwa eine Stunde später waren wir alle um den Baum versammelt. Der Baum reichte bis zur Decke und war schwer von Lametta und Schnee und Kerzen – doch wer kann schon einen Weihnachtsbaum beschreiben? «

 31. Dezember

»Jahr für Jahr trage ich meine Abenteuer in die Welt […].«

 

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Anaïs Nin: Tagebücher 1920-1921, dtv, 366 Seiten.

 

 

 


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»…zu schreiben, wie man denkt, in der Ordnung und Unordnung, in der man denkt und fühlt, Eindrücken zu folgen und absurden Wechselbeziehungen zwischen Ereignissen und Bildern, vertrauensvoll einzutreten in Bereiche, in die sie uns führen. Der Kult des Wunderbaren.«

(Die Tagebücher der Anaïs Nin)

 

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Was sich in den Sommer stapelt

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Weil ich stets mehrere Bücher zur selben Zeit lese, liegt immer dieser Bücherstapel in meinem Bett; griffbereit, angelesen, weitergelesen – ohne Reihenfolge, rein nach Leselaune. Gerade liegen dort:

Der verzauberte Weg von Oscar Parland:

»Die Landschaft, durch die sich der Pfad der Erinnerung windet, wirkt immer phantastischer und unwahrscheinlicher. Ich weiß nicht mehr, was Erinnerung, Dichtung oder Traum ist. Die Proportionen haben sich verändert, die Bedeutungen verschoben, die Dinge sind nicht länger das, wofür sie sich auszugeben versuchen. Alles ist so viel rätselhafter und vieldeutiger als die Welt, in der ich jetzt lebe.«

Die Empfindsamkeit von Anaïs Nin mit Essays über Frau und Mann, Schriftstellerei, Musik und Film und Verzauberte Orte, die sie besucht hat; beispielsweise Fès, die Labyrinthstadt in Marokko:

»Fès ist zur Freude unserer fünf Sinne erbaut worden. Mein erster Eindruck ist der angenehme Duft der Zedernholzmöbel im Hotel Palais Jamali, ein Duft, der dem Souk, der Marktgasse, in mitten des geschäftigen Treibens der Tischler wieder auftaucht. Die Farben von Fès sind in meinem Zimmer schon vorhanden: blaue Fliesen, ein Kupfertablett, kupferfarbene Vorhänge. Als ich sie aufmache, liegt die Stadt vor meinen Augen ausgebreitet.«

Fiesta von Ernest Hemingway, das unter anderem an einem Ort spielt, den ich letztes Jahr selbst besucht habe; das Café Iruña im baskischen Pamplona:

»Wie tranken im Iruña unsern Kaffee, saßen in bequemen Korbstühlen und sahen aus der Kühle unter den Arkaden auf den großen Platz. Nach einer Weile stand Bill auf, um einige Briefe zu schreiben, und Cohn ging hinüber zum Friseur…und ich blieb vor dem Café sitzen. Ich saß vor dem Café und machte dann einen Spaziergang durch die Stadt. Es war sehr heiß, aber ich blieb auf der schattigen Seite der Straße und ging über den Markt, und ich freute mich, die Stadt wiederzusehen.«

Novecento von Alessandro Baricco, die Legende vom Ozeanpianisten:

»Novecento? Novecento! Aber das ist doch eine Zahl! Das war eine Zahl. Jetzt ist es ein Name.«

»Einmal fragte ich Novecento, woran er dächte, wenn er spielte und was er sah, wenn er dabei immerfort vor sich hinstarrte, wo er eigentlich mit den Gedanken war, während seine Hände über die Tasten glitten. Er sagte: „Heute war ich in einem wunderschönen Land, die Haare der Frauen dufteten so gut, überall war es hell und voller Tiger.“ Er reiste.«

Wolkenfern von Joanna Bator:

»Auf dem Gipfel des Hügels angekommen, setzt sich Grazynka mitten in den herrrenlosen Wald auf einen Stein, der so glatt ist, als hätte das Meer in ausgestoßen, und blickt auf ihr Haus…Grazynka sieht von hier aus ihr Leben…es sind Dinge, die geschehen sind und die es nicht mehr gibt, und solche, die nie geschehen sind und die es noch gibt, etliches ist da, das erst noch geschehen wird…«

Justine von Lawrence Durrell:

»Das sind jene Augenblicke, die sich dem Schriftsteller, nicht dem Liebenden, einprägen und die ewig fortleben. Man kann in der Erinnerung immer wieder zu ihnen zurückkehren oder sie als Fundament benutzen, auf dem man einen Teil seines Lebens aufbauen kann: das Schreiben.«

Endloser Sommer von Ralf Chudoba und Michael Zöllner (Hrsg.), ein literarischer Surftrip, auf dem ich bald noch ausführlicher herumreiten werde:

»Wenn also der obere Teil der Welle weiterwandert, während der untere zurückbleibt, so muss das Folgen irgendeiner Art haben.«

Auf der momentanen Leseliste stehen auch: Mein Hiddensee von Ulrike Draesner und Sommernovelle von Christine Neudecker. Und wer weiß schon, welche Bücher sich sonst noch im Laufe des Sommers so bei mir stapeln…


Lyrik im Kopf. Lyrik im Kabinett.

Prosa lässt in meinen Gedanken ganze Szenarien entstehen. Lyrik hingegen einzelne Bilder, die im Einzelnen intensiv sind. Wie Anaïs Nin in einem ihrer Tagebücher aus einem Leseerlebnis heraus über den lyrischen Roman Paulina 1880 (1925) des französischen Schriftstellers Pierre-Jean Jouve schreibt:

»Mit der Droge der Poesie gehen Wahrheit und Hellsicht leichter ein […] Sprache wird zur magischen Arznei. Der Rhythmus steckt an, und die fließenden Bilder strömen unmittelbar, ohne Ablenkung in das Unterbewußte hinab.«

»Pierre-Jean Jouve beschreibt eine Welt, in der Visionen, Halluzinationen, Symbole, die wir normalerweise in unser nächtliches Erleben wegdrängen, in vollem Tageslicht […] auftreten, in denen Wünsche und Fantasie, Traum und Aktion, Träumerei und Leidenschaft ineinander verschmelzen. Er versucht gar nicht, alles und jedes zu erleuchten […] Im Leben kommen die Erleuchtungen plötzlich […] wir schöpfen höchste Freuden aus Illusionen.« (Die Tagebücher der Anaïs Nin, Band 2)

Ihre Beschreibung hat mich neugierig gemacht. Der Roman ist bestellt (Suhrkamp 1970, aus dem Französischen von der Schriftstellerin und Übersetzerin Elisabeth Borchers). Bald mehr Lyrik in meinem Kopf – vielleicht auch bald mehr davon auf der schreibstation.

Hier in München findet Lyrik vor allem im Lyrik Kabinett statt, versteckt in einem hübschen Hinterhof in der Amalienstraße (83a). Poesie pflastert die Steine auf dem Weg hinein. Das Kabinett wurde 2003 als gemeinnützige Stiftung gegründet und bietet regelmäßig allerhand verschiedene Veranstaltungen lyrischer Natur, und eigene Publikationen, die »den Erhalt und Ausbau der internationalen Lyrik-Bibliothek« sichern sollen. Eine Hochburg der Lyrik, mitten im Universitätsviertel. Es lohnt sich, mal einen Fuß über die Poesie zu setzen!

 

 


»Eine Poesie der Poesie« oder: Du dichtest nicht mehr ganz richtig!

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Heute mal poetisch. Denn Novalis (Friedrich Freiherr von Hardenberg, deutscher Schriftsteller der Frühromantik) sagte mir in einer Vorlesung diese Woche: »Die Welt muss romantisiert werden.« Und zwar durch Dichtung. Durch Romantische Dichtung. Denn »Das Leben der Dichtung ist das einzige Absolute, die einzige Wirklichkeit.« Und die sieht so aus: »Ich schreibe, was ich eigentlich nicht sagen will […] ich kehre die Bedeutung meiner Worte um, um zu sagen, dass ich eigentlich etwas ganz anderes damit sagen will.« (Dozent) Da soll mal einer die Dichter verstehen! Diese Versschubserei. Alles Interpretationssache. Auslegung. Spekulation. Wort-im-Mund-Umdreherei. Auch genannt: »Eine Poesie der Poesie« oder: Romantische Ironie. Oder wie der Frühromantiker meint: »Die Kunst, auf eine angenehme Art zu befremden, einen Gegenstand fremd zu machen und doch bekannt und anziehend, das ist die romantische Poetik.« Auch Anaïs Nin (französische Schriftstellerin) griff Novalis in ihrem zweiten Tagebuch (1934-1939) auf und schrieb: »Man muss wie die Worte im Fluss bleiben […] Das Absolute ist nicht anderes als der pulsierende Rhythmus […].«

Also dann:

Lass uns mal zusammen dichten.

Einfach so erzählen.

Ich will mir gar nicht ausmalen, wie fabelhaft das wäre!

Wie dreist dein Stift das Papier anlügt!

Spinnen wir doch ein wenig Flachs.

Ohne einen Flunkern Wahrheit.

Ein wundersames Märchen.

Du dichtest nicht mehr ganz richtig!

So einfach bist du doch gar nicht geflickt.

Deine Lässigkeit einfach abzudichten.

Dein Ventil zu pflastern.

Auszufüllen. Zuzustopfen.

Durch Verse voller Dichtungsstoff.

 

Weiteres erdichtet im Gedanken.Gut!