schreibnummer 27

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Wenn die Worte wieder wellen…weiter wellen…

»Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Meer und Himmel ließen sich nicht unterscheiden, nur daß das Meer leicht gefältet war wie ein zerknittertes Tuch … Die Welle hielt inne und zog sich dann wieder zurück, seufzend wie ein Schlafender, dessen Atem unbewußt kommt und geht. Allmählich wurde der dunkle Streif am Horizont klar … Dahinter klärte sich auch der Himmel … und nun breiteten sich flache Streifen von Weiß, Grün und Gelb über den Himmel aus wie die Finger eines Fächers … bis eine breite Flamme sichtbar wurde; ein Feuerbogen loderte am Rande des Horizontes, und rund um ihn her lohte das Meer golden.«

Virginia Woolf, Die Wellen

 

Gelesen in: Frauen am Meer von Tania Schlie, Thiele Verlag.

Bild: Junges Mädchen am Strand, um 1886 von Philip Wilson Steer, Musée d´Orsay, Paris.

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Geschichten aus dem Meer

meer

 

Im Süden

angeln wir

bei seichtem Wellengang

Geschichten aus dem Meer.

 

»Ich guckte den Wellen zu, wie sie kamen und gingen und kamen und gingen, immer gleich, immer gleich…Wie sie so gern zum Ufer kamen und wie sie dann wieder so gern ins Meer zurückdrängten. Ich sah aufs Meer hinaus, und das Meer war manchmal grau, manchmal grün, meistens aber blau, dieser Himmel aus Wasser, der sich bewegte und lebte und redete, und es nahm meine Gedanken mit sich und machte mich innen ganz leer.« (Auf der Plaça del Diamant; Mercè Rodoreda; Suhrkamp Bibliothek 1995)

 

Im Norden

werfen uns die Wellen

wild

Geschichten vor die Füße.

 

»Die Welle hielt inne und zog sich dann zurück, seufzend wie ein Schläfer, dessen Atem unbewusst kommt und geht. […] Sollte das das Ende der Geschichte sein? Eine Art von Seufzer? Ein letztes Sichkräuseln der Wellen? [….] Aber wenn es keine Geschichte gibt, was für ein Ende kann es geben oder was für einen Anfang? […] – abermals durchfährt uns ein Impuls; wir erheben uns, wir werfen eine weiße Mähne von Schaum zurück; wir poltern ans Ufer; wir lassen uns nicht beschränken.« (Die Wellen; Vriginia Woolf; Fischer Taschenbuch Verlag 1979)

 

Und die Muscheln

flüstern

während wir unsere eigene Geschichte in den Sand zeichnen.

 

»Dieser Felsen ist ihr gemeinsames Zuhause. […] Ohne Namensschild, ohne Türklingel. Ohne Tür. Und trotzdem ist es ihr Heim. Sonnenklar. […] Das Meer kennt nur eine Sprache. […] Es wäre ein Betrug, über das Meer, die Wellen, den Felsen, die Möwen, das Tauchen, den Kiesstrand, das Boot, den Lutscher, die Muscheln, die Wolken in der neuen Sprache zu sprechen. […] Es wären nur Worte, leere Worte, die jeder sagen kann und die jedem gehören. […] Gedichte als Garantie, dass alles Gesagte, Gefühlte und Gelebte wahr ist und nicht nur geträumt wurde. Nicht verschwinden kann.« (Jeden Tag, jede Stunde; Nataša Dragnić, btb 2014)

 

wellenlänge

 

unsere ohrmuscheln

nur einen steinwurf

voneinander entfernt

flaches atmen

hüpft am besten

stürmisch sanft

ich zähl bis drei

kommen bleiben gehen

eine wellenlänge lang