surfsession

Schleichend nähert sich der Sommer und mit dem Sommer kommt die Sonne und mit der Sonne kommt der Strand und mit dem Strand auch das Meer und die Wellen und das Surfen und die Surfer-Literatur, die schon zweimal mit »Atem« und »Endloser Sommer« Einzug auf der schreibstation gehalten hat.

Nun wird es Zeit für eine eigene Kategorie, ganz einfach weil ich nicht aufhören kann, zwischen den Wellen zu lesen. »Im grünen Raum von Saint-Leu« von Peter Lenzyn schließt sich bald der surfsession an. Und weitere Surfer-Romane werden folgen…und schon kommt der Sommer ein Stück näher.

Unbenannt

 

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Ein literarischer Surftrip, ein endloser Sommer, ein Hin und Her

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Dieser Sommer erscheint endlos, wenn man bedenkt, dass mir zu seinem Beginn ein Buch in die Hände fiel, das ich noch zu seinem Ende hin nicht aufhören will, zu lesen: Endloser Sommer – Ein literarischer Surftrip ist in diesem Jahr beim Tropen Verlag erschienen. Frisch aus der Druckerei angespült, habe ich es aufgelesen; der Titel ist mir ins Auge gesprungen, die Aufmachung auch und meine Hände wollten es nicht mehr weglegen, weil es ein schönes Format hat, das ihnen gut liegt.

Erneut brach eine Welle der Neugier über mich herein, dieses Mal schwappte sie in Etappen daher; in Geschichten, die die Geschichte des Surfens nacheinander spannend auftürmen. Geschrieben von Surfern, Surfbewunderern, Surfsehnsüchtigen und Surfversuchern – gegenwärtige Autoren und Autoren der Weltliteratur, wie Mark Twain oder Jack London, kommen darin zu Wort, ebenso Abenteurer der Weltgeschichte wie Captain Cook. Den Anfang machen die Ureinwohner von Hawaii, ein Ende ist nicht in Sicht. Das Surfen ist so eine endlose Geschichte, oder eben das, »was man meint, wenn man über das Surfing-Leben redet«:

»Es ist, als ob man alles mit anderen Augen wahrnimmt, plötzlich sehen nicht mehr alle Wellen gleich aus, es gibt nun runde langsam brechende und steile schnell brechende, Wellen die nach links laufen und welche die nach rechts brechen…als würde man in einer anderen Welt leben.« (aus: Das erste Mal von Thomas Lange)

Das Surfphänomen ist so unbeschreiblich, dass es eigentlich nichts dazu zu sagen gibt:

»Drei Stunden mit der tollsten Brandung in deinem Leben sind einfach nur das – nichts, worüber man etwas erzählen könnte. Man geht raus, kommt rein, surft und verbringt den größten Teil der Zeit mit Treibenlassen, Warten, Herumfahren.« (aus: Surf von Daniel Duane)

Und das Surfgefühl bleibt unerklärlich, absolut »mysterioso«:

»Die Surfer…benutzen das Wort mysterioso ziemlich häufig. Es bezieht sich auf das Geheimnis des Allmächtigen Dräuenden Pazifischen Ozeans und all das. Manchmal starrt einer hinaus auf die Brandung und sagt: „Mysterioso“.« (aus: Die Pump House Gang von Tim Wolfe)

Das Buch macht eine Surf-Safari, in endlosen Sommern stöbernd und erzählend. Dabei prasselt die Welt des Surfens auf mich nieder, in Filmen wie Gidget (Paul Wendkos) und The Endless Summer (Bruce Brown), der Surfgitarre von Dick Dales und der Musik von den Beach Boys, der Comic-Figur Silver Surfer, den Büchern Nacht über Surf City und Wo Legenden sterben von Kem Nunn, Auf der Suche nach Captain Zero von Allan C. Wesbeckers, Surf von Daniel Duane, Die Pump House Gang von Tom Wolfe und in Namen wie Duke Kahanamoku und vieles und vielen mehr.

Auf den letzten Seiten ist ein Surfinary, in dem sich Surf-Begriffe in hawaiianischer, deutscher und englischer Sprache tummeln; eine kleine Auswahl:

Nalu – Brandung, Ozean, Welle; Nalunalu – hoher Seegang

Kaí emí, nalu míkí  zurücklaufende Welle; Kaí pí´í, nalu pu – hohe Welle; Kaí po´í, nalu ha´í  sich brechende Welle

Cowabunga! – euphorischer Ausruf eines Surfers, nach einem guten Ritt zum Beispiel

Duck dive – mit dem Brett unter der Welle durchtauchen, um hinter der Brandungszone aufs offene Meer zu gelangen, um dort im Line-up auf dem Brett zu sitzen und auf die Wellen zu warten

heʻe nalu – surfen; im Green Room, dem Tunnel, der entsteht, wenn sich eine hohe Welle überschlägt

Und nach jedem Wipe-out von der Welle geworfen werden, folgt ein Takeoff Beginn eines Wellenritts

»Ziehe deine Kleider aus, in diesem milden Klima sind sie doch nur lästig. Gehe hinein und ringe mit dem Meer; beflügle deine Fersen mit all dem Talent und der Kraft, die in dir wohnen; stürze dich in die Brecher, meistere sie und reite auf ihnen, wie es sich für einen König gehört.«

In München höre ich, während ich an diesem Beitrag schreibe, von einem Ort für Surfer außerhalb der Wellen – ein endloser Sommer nimmt weiter seinen Lauf. Ich beschließe, diesen Fleck der Welt bald aufzusuchen, dem ewigen Mythos weiter hinterher zu jagen. Es ist ein endloses Hin und Her mit dem uferlosen Ziel: Pae í ka nalu die Welle bis zum Strand zu reiten. Cowabunga!

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Titel: Endloser Sommer – Ein literarischer Surftrip; Herausgeber: Ralf Chudoba und Michael Zöllner; Tropen Verlag;  231 Seiten

Bild oben: aus Endloser Sommer


Was sich in den Sommer stapelt

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Weil ich stets mehrere Bücher zur selben Zeit lese, liegt immer dieser Bücherstapel in meinem Bett; griffbereit, angelesen, weitergelesen – ohne Reihenfolge, rein nach Leselaune. Gerade liegen dort:

Der verzauberte Weg von Oscar Parland:

»Die Landschaft, durch die sich der Pfad der Erinnerung windet, wirkt immer phantastischer und unwahrscheinlicher. Ich weiß nicht mehr, was Erinnerung, Dichtung oder Traum ist. Die Proportionen haben sich verändert, die Bedeutungen verschoben, die Dinge sind nicht länger das, wofür sie sich auszugeben versuchen. Alles ist so viel rätselhafter und vieldeutiger als die Welt, in der ich jetzt lebe.«

Die Empfindsamkeit von Anaïs Nin mit Essays über Frau und Mann, Schriftstellerei, Musik und Film und Verzauberte Orte, die sie besucht hat; beispielsweise Fès, die Labyrinthstadt in Marokko:

»Fès ist zur Freude unserer fünf Sinne erbaut worden. Mein erster Eindruck ist der angenehme Duft der Zedernholzmöbel im Hotel Palais Jamali, ein Duft, der dem Souk, der Marktgasse, in mitten des geschäftigen Treibens der Tischler wieder auftaucht. Die Farben von Fès sind in meinem Zimmer schon vorhanden: blaue Fliesen, ein Kupfertablett, kupferfarbene Vorhänge. Als ich sie aufmache, liegt die Stadt vor meinen Augen ausgebreitet.«

Fiesta von Ernest Hemingway, das unter anderem an einem Ort spielt, den ich letztes Jahr selbst besucht habe; das Café Iruña im baskischen Pamplona:

»Wie tranken im Iruña unsern Kaffee, saßen in bequemen Korbstühlen und sahen aus der Kühle unter den Arkaden auf den großen Platz. Nach einer Weile stand Bill auf, um einige Briefe zu schreiben, und Cohn ging hinüber zum Friseur…und ich blieb vor dem Café sitzen. Ich saß vor dem Café und machte dann einen Spaziergang durch die Stadt. Es war sehr heiß, aber ich blieb auf der schattigen Seite der Straße und ging über den Markt, und ich freute mich, die Stadt wiederzusehen.«

Novecento von Alessandro Baricco, die Legende vom Ozeanpianisten:

»Novecento? Novecento! Aber das ist doch eine Zahl! Das war eine Zahl. Jetzt ist es ein Name.«

»Einmal fragte ich Novecento, woran er dächte, wenn er spielte und was er sah, wenn er dabei immerfort vor sich hinstarrte, wo er eigentlich mit den Gedanken war, während seine Hände über die Tasten glitten. Er sagte: „Heute war ich in einem wunderschönen Land, die Haare der Frauen dufteten so gut, überall war es hell und voller Tiger.“ Er reiste.«

Wolkenfern von Joanna Bator:

»Auf dem Gipfel des Hügels angekommen, setzt sich Grazynka mitten in den herrrenlosen Wald auf einen Stein, der so glatt ist, als hätte das Meer in ausgestoßen, und blickt auf ihr Haus…Grazynka sieht von hier aus ihr Leben…es sind Dinge, die geschehen sind und die es nicht mehr gibt, und solche, die nie geschehen sind und die es noch gibt, etliches ist da, das erst noch geschehen wird…«

Justine von Lawrence Durrell:

»Das sind jene Augenblicke, die sich dem Schriftsteller, nicht dem Liebenden, einprägen und die ewig fortleben. Man kann in der Erinnerung immer wieder zu ihnen zurückkehren oder sie als Fundament benutzen, auf dem man einen Teil seines Lebens aufbauen kann: das Schreiben.«

Endloser Sommer von Ralf Chudoba und Michael Zöllner (Hrsg.), ein literarischer Surftrip, auf dem ich bald noch ausführlicher herumreiten werde:

»Wenn also der obere Teil der Welle weiterwandert, während der untere zurückbleibt, so muss das Folgen irgendeiner Art haben.«

Auf der momentanen Leseliste stehen auch: Mein Hiddensee von Ulrike Draesner und Sommernovelle von Christine Neudecker. Und wer weiß schon, welche Bücher sich sonst noch im Laufe des Sommers so bei mir stapeln…