Neulich in der Nische

Freitagnachmittag-Simmung in Berlin-Schöneberg: Ich steige an der Hohenfriedbergstraße aus dem Bus 104, denn hier in der Nähe bin ich verabredet. Ich steuere die Gustav-Müller-Straße an und gehe nur ein paar Minuten an hübschen Häuserreihen entlang, und ehe ich mich versehe, stehe ich vor einem Schaufenster und sehe Sebastian Guggolz an seinem Schreibtisch sitzen. Kurz überkommt mich das Gefühl, dass ich ihn nicht stören will, weil er so konzentriert aussieht, doch die Neugier lässt mich nicht lange zögern, also öffne ich die Tür und erwarte fast, dass es beim Eintreten klingelt, denn das alles erinnert mich an eine Kleinladen-Atmosphäre, nur dass es kein Laden ist, sondern ein Verlag, der Guggolz Verlag.

Vor vier Jahren hat Sebastian Guggolz seinen Verlag gegründet, und ich verfolge schon lange das Programm – es war es also mal Zeit für einen Kaffee. Wir machen uns auf ins Taubenschlag, sein Lieblingscafé auf der Roten Insel, wie diese Gegend so schön genannt wird, und ich muss ihm zustimmen: auch ich fühle mich dort gleich wohl. Wir kommen schnell ins Gespräch, reden über Gott und die Welt, wobei Gott dabei weniger eine Rolle spielt, vielmehr aber die Verlagswelt, und vor allem: die kleine Nische, die er sich mit seinem Verlag geschaffen hat, die bewusst klein ist, die er bewusst klein halten möchte, weil er nichts Großes verfolgt und in meinen Augen doch Großes tut: er belebt Literatur wieder.

Der Guggolz Verlag ist eine Gegenbewegung zum großen Rest der Verlagsbranche. Er reitet nicht auf derselben Welle, schwemmt nicht eine Neuerscheinung nach der nächsten an – er schafft Neuauflagen, Neuübersetzungen von zeitloser Literatur. Er macht sie neu zugänglich, mit Nachworten und Ergänzungen aus historischem, kulturellem, politischem und sprachlichem Kontext. Aus dem Verlagsprofil:

Die Flut an neuen Veröffentlichungen führt dazu, dass die Halbwertszeit der Bücher immer kürzer wird. Die Neuerscheinungen, die sich nicht innerhalb weniger Monate durchsetzen, werden kurzerhand wieder aus den Regalen geräumt, sie verschwinden aus den Buchläden und werden dadurch dem Vergessen preisgegeben.

Das Ziel ist es, diese Literatur auf dem deutschen Buchmarkt breiter und vielgestaltiger verfügbar zu machen. Ziel ist es aber auch, Regionen auf der literarischen Landkarte sichtbar zu machen, die häufig nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen.

Die Inspiration für die Bücher, die er in sein Programm aufnimmt, holt sich Sebastian Guggolz von Reisen, von zufälligen oder gezielten Recherchen, von Vorschlägen, die ihm zugespielt werden. Je Programm im Frühjahr und im Herbst bringt er zwei Titel heraus, manchmal auch drei. Der Guggolz Verlag ist also ein Wiederentdecker, ein Sichtbarmacher, ein Bewahrer, ein Literatur(be)lebender und schlicht und einfach ein Literaturliebender – und viel mehr ist es auch gar nicht, und das ist mehr als genug.

Und ich freue mich wieder einmal auf das neue Frühjahrsprogramm, vor allem auf einen weiteren Titel von dem schottischen Autor James Leslie Mitchell, dessen »Szenen aus Schottland« ich sehr gerne gelesen habe. Nun folgt »Lied vom Abendrot« (Originaltitel: Sunset Song, 1932; erscheint im Februar 2018, aus dem Englischen von Esther Kinsky), das er unter seinem Pseudonym Lewis Grassic Gibbon veröffentlicht hat. Ein Auszug:

»Im Osten gegen das Kobaltblau des Himmels lag das Glitzern der Nordsee, das war hinter Bervie, und in einer Stunde vielleicht mochte sich der Wind dort drehen, und dann würde man schon spüren, wie sich was wandelte in ihm, lebhaft und bockig würde und einen Strom Kühle mitführte von der See.«

 

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Ich werde mir das Buch abholen, werde wieder in den Bus 104 steigen, zur Hohenfriedbergstraße fahren, die Gustav-Müller-Straße entlanggehen, Sebastian Guggolz durch das Schaufenster sehen, bevor ich eintrete in diese kleine Nische für große Literatur. Und vielleicht ist zwischen all der Literaturbelebung wieder Zeit für einen Kaffee im Taubenschlag.

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Ebenfalls sehr zu empfehlen aus dem Guggolz-Programm: Der Mond von Jiří Mahen!

 

Foto: Sebastian Guggolz, Credit: Jonas Holthaus.

 

 

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BOOK FAIRytale V

Letzte Woche um diese Zeit steckte ich noch mittendrin, im Buchmessen-Rummel in Leipzig. Buchmesse, das ist die Zeit des Hotelschlüssels, des Ausstellerausweises, der Wert- und Pfand- und Garderobenmarken, und der Blasenpflaster. Es ist die Zeit der endlosen Schlangen, der Rund um die Uhr am Stand-Schichten, des durch die Menge-Drängens. Es ist die Zeit der alten und der neuen Begegnungen, des immer selben und stets neuen. Es ist die Zeit des Bücherstöberns. Vor allem des Bücherstöberns. Gesucht und gefunden habe ich:

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Das Buch der Wunder von Stefan Beuse; mairisch Verlag 224 Seiten.

»Die andere Welt.« Ihre Augen funkelten. »Lass uns da rein.«

Tom legte seinen Kopf zurück aufs Kissen und strich mit der Hand die Bettdeckenhügel glatt.

»Wie stellst du dir das denn vor?«

»Habt ihr das nicht gelernt, in Bio? Wie das geht?«

»Du kannst nicht einfach die Frequenzen der Welt ändern, Penny.«

Seine Schwester lag wieder vollkommen ruhig.  Tom hörte nicht mal ihren Atem.

»Nein«, sagte sie. »Aber unsere.«

 

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Mehr Schwarz als Lila von Lena Gorelik; rowohlt Berlin 256 Seiten.

»Diese Geschichte ist lang, und sie ist kurz, sie ist verwirrend und vertrackt, verworren ist sie auch, und manch einer würde vielleicht sagen, sie ist verrückt, aber ich nicht.«

 

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Das Umgehen der Orte von Fabian Hischmann; berlin Verlag 208 Seiten.

»Wir waren lange genug still, findest du nicht? Lass uns reden!«

 

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Dinge, die vom Himmel fallen von Selja Ahava; mare Verlag 208 Seiten.

»Der Wind rauschte in den Ohren, plötzlich verschwand jegliche Farbe, und das Meer versank in Finsternis, obwohl es erst sechs Uhr war. Der erste Blitz erleuchtete den Meeresrücken. Im Licht des Blitzes konnte Hamish sehen, wie auf der Wasseroberfläche kleine, scharfe Wellen im Zickzack zuckten […] der Wind nahm so rasant zu, dass nicht einmal die Wellen mitkamen.«

 

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Ein Gott ein Tier von Jérôme Ferrari; secession Verlag 110 Seiten.

»Gewiss die Dinge enden schlecht, und doch, du wärest fortgegangen und du wärest,  sobald die Umarmung der Welt zu drückend geworden wäre, zurückgekehrt zu dir nach Hause. Aber so ist es eben nicht gelaufen, denn die Dinge enden auf ihre rätselhafte und grausame Weise schlecht und lassen sämtliche Illusionen der Hellsichtigkeit an sich zerschellen. Du bist fortgegangen, die Welt hat dich nicht umarmt, und als du zurückkehrtest, da war dies nicht mehr dein Zuhause.«

 

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Reisen ohne Ziel von Harry Martinson, Guggolz Verlag 408 Seiten.

»So flattert man mit einer Sehnsucht um die Erde, und die ungeschriebenen Reiseschilderungen stapeln sich in der Seele.«

»Der Inhalt meines Ichs war eigentlich nur Sehnsucht; eine formlose, wortlose Sehnsucht […].«

»Uns selbst und die Welt müssen wir kennenlernen. Der Weg dahin führt durch guten Willen, guten Willen und nochmals guten Willen.«


Mit dem Mond im Gespräch

Heute Abend erzählt mir der Mond, aus einem Buch, einem herausscheinenden, einem gesprächigen, einem unendlich guten Buch. ›Der Mond. Eine Phantasie‹ von Jiří Mahen. Ich blinzle durch das Fenster in die Dunkelheit, fixiere den Nachthimmel, lege meinen Fokus auf ihn, den Ewigen. Ich warte. Auf seine Geschichten. Seine sonderbar schönen, schimmernden Geschichten.

›Hallo, was machst du heute?‹

›Was, siehst du mich denn nicht? Ich stehe am Fenster und sehe, wie du langsam über den Häusergiebeln auftauchst, bedächtig und scheu die Wolken schiebst […].‹

›Ja, so gefällst du mir – sitzt schön in der Ecke eines dämmrigen Kämmerchens und wartest brav auf mich.‹

›Wer bist du und wer bin ich? Was weißt du darüber?‹

›Meine silberne Welt hat ihre Gesetze, aber soll ich sie dem Menschen verständlich machen, muss ich ein wenig gesprächig werden, gerate dann in das Knäuel meiner Phantasie, das schwer zu entwirren ist.‹

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Der Mond, wie er wandert. Wie er kommt und geht, wie er zurückkehrt. Wie er sich wiederholt. Wie er immer und immer und immer…ist.

›Gestern mitten in den arabischen Wüsten – schläfst du?‹

›Du versteckst dich schon den vierten Tag vor mir – ich döse.‹

›Umso besser! Im Halbschlummer erzählt man sich die schönsten Sachen, scheinbar ohne Inhalt und scheinbar ohne Idee, aber dafür schöner…‹

›Guten Abend!‹

›Wie geht´s dir heute?‹

›Ich glaube, schon viel besser als gestern, das war aber nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte […] ich bin voller Gedanken, jeder von ihnen beginnt mit einer Frage und endet mit einer Frage, deshalb sitze ich hier, wo ich sitze […] sonderbar angenehm zerfließt die Zeit…‹

›Guten Abend!‹

›Endlich sehen wir uns also wieder!‹

›Endlich? Verdross es dich, am anderen Ende der Welt zu philosophieren und dir literarische Geschichten auszudenken?‹

›Was denn, ist Literatur nicht das Leben?‹

Ein ewiges Zwiegespräch mit dem Mond. Mein ewiges Zwiegespräch mit dem Mond.

Guten Abend. Guten Abend. Guten Abend.

›Guten Abend! Was schaust du mich so an?‹

 

 

›Der Mond. Eine Phantasie‹ von Jiří Mahen; Guggolz Verlag; Originaltitel (1920): Měsíc; aus dem Tschechischen und mit einem Nachwort von Eduard Schreiber; mit zwölf Zeichnungen von Valeria Gordeew; 133 Seiten; 19 Euro.