Poesiepomp. Wenn Lyrik, Film und Musik miteinander flirten. Folgen und Fragen.

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»Eine Sehnsucht nach dem schärferen Blick, und nach dem Festhalten des unverhofften Moments […] Noch in eben diesem Moment, ahnte ich, wurde einem eine Art höhrere Wahrheit zuteil.« Um was geht es hier eigentlich? Etwa ums dichten? Oder ums filmen? Um beides. Der Essay Film. Flirts in den Central-Lichtspielen von Jan Volker Röhnert, veröffentlicht in der wunderbaren Edition Poeticon des Berliner Verlagshaus J.Frank (bereits im März auf der Leipziger Buchmesse entdeckt; nun in zweiter Runde erschienen) befasst sich mit Film, wie mit Lyrik und bringt beide Bereiche auf so passende Weise zusammen, als hätten sie schon immer zusammengehört. Denn: Befassen sich nicht Film wie Poesie mit Momentaufnahmen des Lebens und geben diese in kurzen Sequenzen wieder? »Momente, Augenblicke festhalten […] aufgezeichnet, mitgeschnitten.« Ein echter Flirt also, aber einer mit Folgen oder: mit folgenden Fragen, die ich auch dem ZEBRA und dem Schamrock stelle, oder die sie mir stellen – denn um das 7.  ZEBRA Poetry Film Festival (ZEBRA weil durch die Streifen zwischen den Zeilen lesen?), das von der Literaturwerkstatt Berlin veranstaltet wird, und um das 2. Münchner Schamrock Festival, das weltweit erste Festival nur für Dichterinnen, geht es hier auch.

Wie kann ein Gedicht im Film dargestellt werden? Gelingt es dem Film, das in mir auszulösen, was ich fühle, während ich ein Gedicht lese oder schreibe? Muss das der Film überhaupt? Sprechen Gedicht und Film dieselbe Sprache? Verstehen die sich überhaupt? Und falls ja, kann der Film dann vielleicht sogar verständlicher machen, was das Gedicht ausdrücken will? Ist der Film sozusagen der Dolmetscher des Gedichts? Oder schafft er nur Verständigungsprobleme? Denn hat das Gedicht nicht viele verschiedene Sprachen, weil jeder es anders verstehen kann? Verbindet es aber nicht gerade dadurch? Wenn das »Licht am Rande purzelnder Pfannkuchen«, wie es in einem Gedicht der finnischen Lyrikerin Johanna Venho auf der Bühne der Pasinger Fabrik vorkommt, ein Gemeinschaftsstirnrunzeln, ein Gemeinschaftsinterpretieren auslöst; und das unter dem Ausgangspunkt, den die ebenfalls aus Finnland stammende Lyrikerin Helena Sinervo vor einem ihrer Gedichte festlegt:

»Words they could mean someting, but they don´t mean anything.«

Poesie kann in ihrer Wirkung verbinden und in ihrem Verständnis trennen. Und sowohl Film, als auch Poesie halten Momente fest, aber sie unterscheiden sich darin, wie sie es tun; was auch der belgische Dichter und Poesiefilmemacher Paul Bogaert bei einer Lesung im Babylon thematisiert hat:

»Beim Schreiben ist bis zur letzten Sekunde alles möglich, beim Filmen nicht.«

Im Rahmen des ZEBRA feierte Lyrikline – eine Plattform, die seit 15 Jahren Poesie nicht nur lesbar, sondern auch hörbar macht – das 1000. veröffentlichte Gedicht. Listen to the Poet! Und Bogaert ist einer dieser Poeten. Und die Dichter sprechen ihre Gedichte auf Lyrikline selbst ein. Hörbare Poesie. Die gibt es auch im Film. Denn der Film gibt dem Gedicht nicht nur weitere Gesichter, sondern auch mehrere Stimmen; es steckt nicht mehr nur der Dichter dahinter. Mal sprechen die Schauspieler das Gedicht, mal läuft es eingesprochen als Untertitel oder als Abspann über die Leinwand, und öfters als gedacht, wird es gesungen. Musik also. Weil jeder Film eine musikalische Untermalung braucht? Weil aus Lyrik ganz einfach Lyrics werden können? Ist Poesie die Sprache der Musik? (Nächste Woche gibt es das erste Interview zum Thema Songtexte in meiner neuen Kategorie sound so) Was ist also, wenn sich noch ein Dritter in den Flirt einmischt? Wenn Lyrik, Film und Musik zusammenfinden. Dann wird Poesie zur Performance! Nicht aber zu jener Performance, wie sie auf den Poetry Slam-Bühnen gezeigt wird. Beim Slam wird das Gedicht zur Showeinlage. Für den Poesiefilm aber ist das Gedicht die Vorlage und für die Musik kann es eine Vorlage sein. Jedoch: Braucht Poesie Performance? Reichen die Worte allein nicht aus, um die Botschaft zu vermitteln? Sind Film und Musik Poesiepuscher, Lyriklebeneinhaucher? Ich denke nicht. Aber gemeinsam werden sie zum Poesiepomp. Denn wie pompös dieser Flirt sein kann, zeigte die mexikanische Künstlerin Daria Syrse, indem sie alle drei Bereiche live beim Schamrock vereinte: Während sie Klavier spielte und ihre Gedichte mal ins Mikrofon sprach, mal sang, lief ein Poesiefilm. Beeindruckend. Und verwirrend zugleich. Im Essay beschreibt der Autor, wie schwer es ihm fällt, nach einem Kinobesuch wieder in der Außenwelt anzukommen. Ich habe diesen Augenblick erlebt, als ich nach der ZEBRA-Themenfilmreihe Parallelwelten in das abendliche Berlin spaziert bin, mit so weltferner und so weltnaher (Be)Deutungssache in der Tasche. Meine Momentaufnahme:

Wie viele Zeilen Poesie

Passen zwischen wie viele Noten Musik

Passen auf wie viele Rollen Film

Ohne von der Rolle zu sein?

Ich lief durch die Straßen, mit Phrasen aus meinem Favoriten unter den Wettbewerbsfilmen – Die Beschaffenheit der Dinge (Film von Michel Dulisch, basierend auf dem Gedicht Im Treppenhaus wächst Klee von Marie T.Martin) – im Kopf:

»Alles was vom Dach fällt, ist in der Welt.«

»Nach Ziel, denk einen Punkt. Ich weiß, dass es weiter geht, aber denk dir nen Punkt.«

Mein Ziel ist es gar nicht, Antworten auf die Folgen dieses Flirts zu finden. Ich stelle meine Fragen einfach in den Raum. Oder ich fahre mit ihnen Aufzug, von einem Interpretationsstock zum nächsten. Und dann schupse ich sie pfeifend vom Dach. In die Welt. Schließlich geht es hier um die höhere Wahrheit. Ausgang. Und Punkt.

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Info: Sowohl das ZEBRA Poetry Film Festival, als auch das Schamrock Festival der Dichterinnen finden jährlich über ein ganzes Wochenende statt. Vom 1. Schamrock ist eine Anthologie im Münchner Allitera Verlag erschienen, mit einem Grußwort von Friederike Mayröcker.

Neben Film, besteht der neue Viererpack der Edition Poeticon aus Tanzen, Schreiben und Schönheit. An dieser Stelle: Vielen Dank an J.Frank!

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