Literaturpost auf Karten

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Diese Woche wurden mir fünfzehn Postkarten aus Leipzig geschickt – sie zeigen allerdings keine Stadtansichten, sondern illustrierte Literatur. Das literarische Postkartenmagazin Syrinx wurde im Mai 2015 von Gemma Wilson und Alexandra Berg ins Leben gerufen; beide wohnen in Leipzig. Als ich vor einigen Wochen darauf aufmerksam wurde, steckten sie noch mitten in den Vorbereitungen für die erste Ausgabe. Nun ist sie da! Jede Ausgabe hat ihr eigenes Thema; gestartet ist das Magazin mit dem »Spannungsfeld zwischen stereotypen Beschränkungen und Interpretationsmöglichkeiten von Kategorisierung.«

Auf jeder Postkarte sind Wort und Bild vereint: Texte werden in Illustrationen umgewandelt, Illustrationen werden in Texten interpretiert. Am Werk sind dafür junge AutorInnen, IllustratorInnen und TypografInnen. Die erste Ausgabe ist mit 100 Exemplaren erschienen; für die zweite Ausgabe werden bereits neue Schreiberlinge gesucht. Die Texte dürfen bis zu 550 Zeichen haben – in manchen Fällen gibt es eine Ausnahme: eine längere Geschichte wird auf drei Postkarten abgedruckt, damit sie in mehreren Teilen verschickt werden kann. Damit sich die Literatur auch auf Postkartenformat austoben kann…

Zeilen von der letzten Karte im Bunde:

»Und dann saßen wir dort auf dem Bordstein deiner Straße. Und ich sagte: Schau mal, wie schön der Himmel heute aussieht, so ganz ohne Wolken. Und du sahst auf deinen Vorgarten und das verbrannte Gras, deine Schultern zuckten und mein Herz auch.« (Sonja Hertwig)

Info: Syrinx ist bisher in ausgewählten Läden in Leipzig oder online erhältlich – 7 Euro (+ 3 Euro Versand).

Bilder: Syrinx Magazin

 

 

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»Kurz woanders spazieren« – Im Eisluftballon

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Es ist ein Buch, das mir bei der Münchner Bücherschau Ende letzten Jahres am Stand des Leipziger poetenladen Verlages gleich aufgefallen ist – zunächst durch das Cover und den Titel: Im Eisluftballon. Dann haben mich auch die Worte auf der ersten Seite sehr neugierig gemacht; von Depeche Mode, aus dem Song Never let me down again:

We´re flying high

We´re watching the world pass us by

Ich füge noch eine weitere Zeile aus den Lyrics hinzu:

Never want to come down

Never want to put my feet back down on the ground

Denn: Mit Im Eisluftballon hat Katharina Hartwell zwölf Kurzgeschichten veröffentlicht, die den Leser – vor allem sprachlich – hoch fliegen lassen und ihn inhaltlich nicht nur zuschauen lassen, wie die Welt an ihm vorüberzieht, sondern wie und wo das eigene Leben dabei auf der Strecke bleibt oder mitzieht; beziehungsweise das Leben der Protagonisten. Die Erzählungen kommen auf sehr unterschiedliche Weise immer wieder an denselben Punkt oder auf dieselben Themen zurück: es geht um Heimatlosigkeit, darum, verloren zu gehen oder sich verloren zu fühlen, um das Suchen der eigenen Identität, die Ziel- und Planlosigkeit, darum, im Leben unterwegs zu sein und zu finden, sich zu sammeln, bei sich anzukommen. Es ist eine Reise durch Lebensentwürfte, durch Vorstellungen, Wünsche, Sehnsüchte – mit Absturzgefahr und Aufschwung zugleich. Und diese Reise unternehmen wir Im Eisluftballon, beispielsweise in der Erzählung, die dem Buch seinen Namen und dem Klappentext seinen Inhalt gibt:

»Nur hin und wieder, das bräuchten wir einen Eisluftballon. Einen, der uns gehört und in den wir jederzeit einsteigen und mit dem wir überall hingelangen können, an jeden Ort dürften wir reisen und dort ein Zuhause finden.«

Die Erzählungen gefallen mir allesamt. Und an fünf Lieblingsstellen ist mein Eisluftballon ganz langsam vorübergezogen, damit ich die Worte lange betrachten und sie mir anstreichen konnte; er hat Halt gemacht, damit ich sie mir einfriere, sie mir haltbar mache:

Aus Im Eisluftballon:

»Wir werden betrunken gewesen sein und wütend und verliebt und enttäuscht und alleine und müde. Aber noch ist all das nicht gewesen. Und noch fahren wir im Bus, sitzen Schulter an Schulter, gut verpackt wie rohe Eier im freundlich gelben Karton. Erste Risse lächeln wir weg und schweigen uns aus über zu dünne Schalen.«

Aus Aushilfe:

»Ich dachte, ich würde nie so ganz den Weg verlieren, kopflos durch die Straßen rennen, nicht mehr zu mir selbst oder nach Hause finden, wie manches gleich bleibt und uns daran erinnert, wer wir sind, wer wir waren, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Falsch gedacht, sagt Paul. Alles ändert sich. Er geht nach draußen und lässt mich mit dem Staubtuch in der Hand stehen.«

Aus Gespenster:

»…dann ist keiner von uns mehr Herr der Straßen und wir treffen uns an fremden Orten und wissen nicht mehr, wie wir nach Hause kommen. Ob wir überhaupt noch einmal nach Hause kommen, wir wissen es nicht mehr.«

Aus Grosse Ferien:

»In meinem Kopf bin ich gerne mal mutig, aber nach draußen mache ich ein nettes Gesicht und nicke, so als sei ich gar nicht richtig da, kurz woanders spazieren.«

Aus Aber man hat ja noch den Sicherheitsgurt – für diese Kurzgeschichte hat die Autorin den MDR-Literaturpreis gewonnen – zwei Stellen, weil sie sich so wunderbar in zwei Köpfen abspielen; dem der Schwester:

»Und alles bleibt gleich und alles ist anders und ich weiß: Es ist schlimm, es ist etwas Schlimmes. Und ich will sagen: Traurig siehst du aus. Und ich sage: Aber man hat ja noch den Sicherheitsgurt.«

und dem des Bruders:

»Sie redet vom Sicherheitsgurt…und ich denke, dass ich etwas gemacht habe, ihr ein Zeichen gegeben habe, ohne es zu merken, und sie etwas weiß und ich fast kein Geheimnis mehr habe. Klar sage ich. Sonst nichts, nicht weil ich nicht will, sondern weil es nicht geht. Während wie fahren, 180 Stundenkilometer in der Schrottkarre, lassen wir alle Wörter zurück, alle kleinen und großen, alle wichtigen und unwichtigen: Liebe. Also. Tja. Positiv. Und. Pech. Jetzt. Zu Hause. Alles geht aus, alles bleibt liegen, auf der Strecke. Klar, sage ich, klar. Nicht weil irgendetwas klar wäre. Bloß, weil es das einzige Wort ist, das ich noch habe.«

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Info: Im Eisluftballon, Erzählungen von Katharina Hartwell, poetenladen Verlag Leipzig, 144 Seiten; gebunden; 16,80 Euro.

Bild oben: Der Heißluftballon in Eisfarben hängt im Fenster vom Café Parterre in Kopenhagen.

Bild unten: poetenladen Verlag


Sehnsucht unter weißen Palmen – Impala Ray im Interview

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Rainer Gärtner aus München ist Impala Ray – eigentlich ein Soloprojekt, aber eigentlich auch eine Gemeinschaftssache meint er, denn der Bandcharakter muss sein, »weil es schön ist einfach«. Es ist schön, wenn Nicola Missel ihn mit der Tuba begleitet, Carmen Unterhofer mit ihm singt und auf dem Hackbrett spielt und Dominik Haider oder Manuel Hornung an den Drums sitzen. Seine Songs schreibt er aber allein und am liebsten so, dass seine Texte genauso verstanden werden, wie er sie meint. Am 1. August ist sein Debütalbum Old Mill Valley erschienen, auf dem White Palms zu hören ist. Ein Song, der den perfekten Sehnsuchtsort beschreibt. Das hat mir Impala Ray vor seinem Konzert in der SoHo Stage in Augsburg erzählt.

schreibstation: Warum schreibst du deine Songtexte selbst?

Impala Ray: Das Wichtigste ist, finde ich, wenn man selbst Musik macht, kann sie nur gut werden, wenn man sie fühlt. Das ist der Anspruch an jeden Song. Du musst ihn fühlen können. Und wenn du ihn nicht fühlst, dann ist er nicht gut. Und nur wenn du ihn fühlst, kannst du ihn aufs Publikum übertragen.

schreibstation: Was entsteht dann zuerst, wenn du an einem neuen Song arbeitest: Der Text oder die Melodie?

Impala Ray: Also bei mir ist es so, dass die Melodie sehr wichtig ist. Sie gibt alles vor. Die Melodie gibt die Wörter vor. Weil zu jedem Wort eine Melodie passt, irgendwie. Das ist schwierig zu beschreiben. Sie ist quasi die Vorgabe, die dann das Thema bestimmt.

schreibstation: Also du meinst, die Melodie gibt zum Beispiel vor, dass aus einem Lied vom Text her ein Liebeslied wird, weil die Melodie eben nach einem Liebeslied klingt und nicht nach einem, ich sage mal, fetzigeren Song?

Impala Ray: Ja, eigentlich schon. Aber du kannst auch einen fetzigen Liebessong schreiben (lacht). Es gibt einfach so ein paar Schlüsselwörter, die entstehen in diesem Prozess und die sind dann die Basis für den Song.

schreibstation: Wie entstehen deine Songs?

Impala Ray: Ich schnapp irgendetwas auf und das wird dann verarbeitet. Dann muss ich mich natürlich schon hinsetzen mit meiner Gitarre und schreib den Song Zeile für Zeile runter. Ich muss ja dann schauen mit es dem Takt und alles, passt das von der Metrik her und die Reime und so weiter.

schreibstation: Wie lange brauchst du denn so für einen Song?

Impala Ray: Unterschiedlich. Es gibt Songs, die entstehen in fünf Minuten und es gibt Songs, die brauchen ein halbes Jahr. Wie es gerade kommt.

schreibstation: Gibt es bestimmte Autoren oder Bücher, die dich beim Schreiben beeinflussen?

Impala Ray: Es gibt jetzt nicht so den einen Autor, aber ja schon. John Steinbeck, »Früchte des Zorns« oder »Jenseits von Eden«. Die Themen gefallen mir echt gut. Es spielt meistens in Kalifornien und das ist der Sehnsuchtsort unserer Musik. Ja, Steinbeck ist so einer der wichtigsten. Es gibt auch andere, aber da gefällt mir meist nur ein Roman und die anderen dann nicht mehr.

schreibstation: Und wenn du über deine Musik sprichst, also auch so im Privaten mal, ist der Text dann ein Thema?

Impala Ray: Es ist lustig, eigentlich nie. Warum kann ich, glaube ich, beantworten: Weil ich auf Englisch singe. Da hören die Leute nie auf den Text, immer nur auf die Melodie.

schreibstation: Ist es dir denn wichtig, dass was du singst, auch so ankommt, wie du es meinst?

Impala Ray: Es ist schön, wenn man Luft zum interpretieren hat. Aber am liebsten wäre es mir schon, wenn man es genauso verstehen würde, wie ichs meine. Das wäre im Prinzip das Ziel. Ich will nicht Texte schreiben, die so metaphorisch sind und nur Wörter hinschmeißen.

schreibstation: Warum schreibst du dann auf Englisch?

Impala Ray: Weil es mir besser liegt einfach, weil ich das Gefühl besser ausdrücken kann. Ich hab früher auf Deutsch geschrieben, aber die Texte waren dann eher sozialkritisch. Ich will aber Geschichten über Menschen erzählen. Das Problem ist nur, du hast ja nicht so viel Platz wie in einem Buch. Im Buch hast du mehrere Seiten, einen Menschen zu beschreiben. Wie seine Hände aussehen, wie er geht oder wie er riecht vielleicht auch. Das schaffst du halt in einem Song nicht, da kannst du quasi nur kleine Buchteile reinbringen. Aber das versuch ich zumindest. Dass man sich einen Menschen vorstellen kann, das ist das Schöne, wenn man das mit einem Songtext schafft.

schreibstation: Wie ist es denn mit White Palms? Ich hab den Song als Beispiel gewählt, weil er mir nach eurem Konzert im Atomic Cafe im September als Ohrwurm geblieben ist.

Impala Ray: Oh Gott, echt? Nein, das ist schön. Das ist schön. Nur weil du eben nun so lange einen Ohrwurm haben musstest…

schreibstation: Aber ich mag Ohrwürmer doch! Also, was erzählt White Palms? Was sind diese weißen Palmen?

Impala Ray: Diese White Palms sind genau dieser Sehnsuchtsort, den ich immer suche. Diese perfekte Welt. Ich sage nicht weißer Strand, sondern weiße Palmen, weil es etwas Besonderes ist, also wirklich etwas Einzigartiges. Das ist ein Ort, an dem man einfach glücklich ist, wo es einem gut geht und das kann für jeden Menschen ein anderer Ort sein. Und für dieses Mädel, das ist die Hauptperson in dem Song, ist es dieser Ort mit den White Palms. Sie schaut sich die Welt an, um die weißen Palmen zu finden und der Gag ist aber, der Papa hat die weißen Palmen zu Hause gepflanzt. Und irgendwann erkennst sie eben, dass die weißen Palmen eigentlich beim Papa sind und denkt sich, ok, sie hat jetzt alles gesehen und eigentlich will sie jetzt wieder heim. Und sie begibt sich dann auf die Rückreise, durch die Stadt und alles ist so laut und sie ist total gestresst und überfordert. Das tragische an dem Song ist, dass sie ewig sucht, dass sie am Ende alt ist und nicht zurückfindet. Es ist ein offenes Ende. Und so eine Familiengeschichte. Wie die Geschichte der verlorenen Tochter. Und das ist auch das, was ich an unserer Platte Old Mill Valley so mag, dass es immer so Familiengeschichten sind. Das ist eben das, was in meinem Kopf ist, was mich beschäftigt.

schreibstation: Ich interpretiere das jetzt mal weiter: Der Papa hat die weißen Palmen also gepflanzt, um die Tochter zurückzuholen?

Impala Ray: Jetzt kommst du! (lacht) Na, die stehn schon länger da.

schreibstation: Ok ok. Dann eine letzte Frage: Hast du denn eine Lieblingstextstelle in White Palms?

Impala Ray: Ja, da gibt’s eine Zeile. Aber da müsste ich den Song nochmal singen. Ja, dann muss ich ihn heut wohl spielen. (lacht)

schreibstation: Also von mir aus gerne. Und lieben Dank fürs Gespräch!

Gesagt, getan. Impala Ray hat White Palms beim Konzert in Augsburg dann tatsächlich gespielt und mir im Anschluss seine Lieblingszeile verraten; sie lässt sich in der zweiten Strophe finden, als Maggie sich auf dem Heimweg befindet:

The cars screamded loud in the towns

Und nun: reinlesen und raushören!

Calling Maggie she´s so alone
On her own she´s coming back
Oh it pumps so loud in her ears
Her heart is like a humming bird
And she feels her tired legs
Oh they don´t hurt
And she miss her father´s palms
The white, white palms

So she left one day
The big grey old town
To come back home
All alone
Just to see her father´s palms
White palms called her all the way
To come back home
Come back home, come back home, come back home

Old Maggie walks on her own
The years have gone by
The cars screamed loud in the towns
The big grey old towns
And she still haven´t found
What she was searching for
And she miss her father´s palms
The white, white palms

So she left one day
The big grey old town
To come back home
All alone
Just to see her father´s palms
White palms called her all the way
To come back home
Come back home, come back home, come back home

And she walks straight on back home, home
During night she follows the storms
The road leads back right home
Where the palms, white palms have grown

Info: Diese Woche noch tourt Impala Ray mit Jesper Munk durch Deutschland: heut Ravensburg (Studio 104), 13.11. Leipzig (Moritzbastei), 14.11. Pfarrkirchen (Boogaloo). Weitere Konzerte: München 15.11. (Internate Imperim) und 22.12 (Heppel & Ettlich); 11.12. Bayreuth (Glashaus). Und wie Impala Ray seine Songtexte in Bilder umsetzt, ist bald im Video zu dem Song The Gambler zu sehen; das Making Of gibt es schon hier.

Foto: Christopher Wesser

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BOOK FAIRytale

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Die Leipziger Buchmesse! Zwischen Standschicht in Halle 5 (»Studium rund ums Buch«), Eindrücken und Erfahrungen zur Existenzgründung in der Verlags- und Buchbranche durch meine wunderbaren Gesprächspartner Karsten Brinsa vom Luups-Verlag und Michael Kriegel vom Verlag aus dem Pott (nachzulesen bei den Jungen Verlagsmenschen), (eindeutig!) zu vielen interessanten Vorträgen und Literaturveranstaltungen in der wunderschönen Gründerzeit-Stadt, war ich schlendern für die schreibstation; soll heißen: Leipzig & die Literatur aufsaugen, einfangen und festhalten! Und weil Alles so prall literarisch und ich so extrem mittendrin (um es an »Superprall« von Poetry-Slammer Sebastian23 anzulehnen, dem ich in der Moritzbastei gelauscht habe; ich zitiere: »Und alle so Yeah! und keiner so Buuh!«) gibt es nun eine Ladung Links aus dem Leipziger Buchwald – dort wo das letzte Einhorn lebt, oder so. Denn das Cover der fünften Ausgabe des Leipziger Literaturmagazins FETTLIEBE (auf dem Bild schaut es oben links frech heraus) besetzt (ziert kann an dieser Stelle irgendwie schlecht gesagt werden) ein fettes Einhorn mit winzigen Hufen, wallender Schnörkelmähne und natürlich einem Horn, das das Logo-Herz des Magazins einfach mal aufspießt. Die abgedruckten Künstlerinnen und Künstler treiben es mit ihren Beiträgen aber auch auf die Spitze! Kurzprosa, Lyrik und ein bisschen Kunst prallen aufeinander – nichts klingt gewohnt, einiges verwirrend, manches sogar abstoßend (schließlich hat das Einhorn nunmal ein Horn) – FETTLIEBE zeigt, was Gegenwartsliteratur kann! Gefunden hab ichs beim »Buchmessenspecial« von Stubenreim und Schkeuditzer Kreuz im Kulturkaffee plan b (überhaupt ein Ort den jeder, der was für Kultur übrig hat, in Leipzig mal aufsuchen sollte) – zwei Lesebühnen in Einer mit acht Aurtorinnen und Autoren, die sich den ganzen Abend fröhlich ihre Texte um die Ohren schlugen; Franziska Wilhelm lieferte mit ihrem »Shortsoundtrack« sogar den passenden Ohrwurm zu ihrem »Shortroman« (mit zarter Stimme und Ukulele: Draußen pissen die Männer gegen den Zaun). Weitere aufgeschnappte, nicht Ohrwürmer aber, O-Töne oder besser L(Lese)-Töne:

Kurt Mondaugen: »Jeder Mensch ist ein Künstler aber nicht jede Fliege irgendwie, leider.« »Was ist eigentlich die Wirklichkeit – also bei aller Freundschaft, es gibt wirklich verschiedene Versionen dafür.«

Max Beckmann: »Niemand ist vor dir, aber du bist trotzdem das Letzte.« »Der Glaube an Gewohnheit ist eine schlechte Angewohnheit.« »Und wir reden und reden und reden und schweigen immer lauter.«

Julius Fischer: »Hexenverbrennung war mir zu heiß.« »Der Wanderveganer – irgendwann ist das Korn halt alle.«

Peter Thiers: »Mein Leben ist wie einer dieser Plüschtierautomaten aufm Jahrmarkt.«

Linn Micklitz: »Ich habe ein Buch geschrieben. Ich werde daraus nicht vorlesen.«

»Shortheit« gabs auch auf der Messe. Der Verlag für Kurzes ist relativ jung (2011) und deshalb (noch) auf kleinem Fuß unterwegs – oder eben auf kurzem. Im Programm hat er Erzählungen in Kleinformat bis hin zu »Mini-Büchern«, die auf 14,8 x 9,5 cm unter Titeln wie »Sie trank Tee. Er wartete ab« beispielsweise die kürzesten Krimis der Welt vereinen, oder die Geschichte des »Bewusstseinspfannkuchen« präsentieren. Die »Edition Poeticon« vom Berliner Independent-Verlag J.Frank hat ebenfalls ein kleines Format, aber einen gewaltigen Inhalt (eine »poetische Annäherung« an »Begriffe, die unser Weltverständnis leiten«), der dem Verlags-Slogan »poetisiert euch!« absoluten Ausdruck verleiht. Neben Lyrik gibt es auch Kurzprosa und Illustrationen im Programm – alles Gegenwartsliteratur und vor allem: unabhängig! Abhängen konnte ich nebenbei bemerkt wunderbar auf ihrer bequemen Couch und dabei durch »Geschichte« von Jan Kuhlbrodt und »Geschlecht« von Swantje Lichtenstein blättern.
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Foto: Jan Bodenstein
Ein bestimmtes Thema legt auch die Kritische Ausgabe, kurz K.A., seit 1997 (an der Universität Bonn entstanden) für die jährlich zweimal erscheinende Zeitschrift für Germanistik & Literatur fest. In der jetzigen Ausgabe lautet es »Ende«. Neben Rezensionen, Porträts, Interviews und theoretischen Texten aus und über die Literatur- und Sprachwissenschaft, sticht für mich – im Hinblick auf meine Damen – vor allem die Rubrik »Vergessene Autoren« heraus – auch wenn K.A. aktuell einen Herren, den deutschen Schriftsteller Ernst Kreuder (1903-1972), aus dem Literatursumpf gezogen hat (der unter anderem für den Münchner Simplicissimus schrieb). Und weil man auf der Buchmesse leicht selbst in den übervollen Literatursog (nicht Sumpf) gezogen wird und vor lauter Büchern den Wald nicht sieht – bei Litradio (Universität Hildesheim, Studiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus ) gibt es Literatur auf die Ohren, nicht auf die Augen! Und zwar das volle Programm, nach eigener Wahl zusammengestellt aus Vorträgen, Lesungen, Gesprächen und Hörspielen.
Und zu guter Letzt (welches Märchen endet bitte schlecht?): ein Lob an unsere Messe-Postkarte (LMU Buchwissenschaft) – mit Foto & Design von Cindy (mit neuem Portfolio!) und einem Zitat von Autor Christoph Marzi, das zu meinem Leipziger Buchmessen-Leitspruch wurde. Wie man in den Buchwald hineinruft, so hallt es auch wieder heraus! Literatur ist ein Gemeinschaftsding und:

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