»Kurz woanders spazieren« – Im Eisluftballon

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Es ist ein Buch, das mir bei der Münchner Bücherschau Ende letzten Jahres am Stand des Leipziger poetenladen Verlages gleich aufgefallen ist – zunächst durch das Cover und den Titel: Im Eisluftballon. Dann haben mich auch die Worte auf der ersten Seite sehr neugierig gemacht; von Depeche Mode, aus dem Song Never let me down again:

We´re flying high

We´re watching the world pass us by

Ich füge noch eine weitere Zeile aus den Lyrics hinzu:

Never want to come down

Never want to put my feet back down on the ground

Denn: Mit Im Eisluftballon hat Katharina Hartwell zwölf Kurzgeschichten veröffentlicht, die den Leser – vor allem sprachlich – hoch fliegen lassen und ihn inhaltlich nicht nur zuschauen lassen, wie die Welt an ihm vorüberzieht, sondern wie und wo das eigene Leben dabei auf der Strecke bleibt oder mitzieht; beziehungsweise das Leben der Protagonisten. Die Erzählungen kommen auf sehr unterschiedliche Weise immer wieder an denselben Punkt oder auf dieselben Themen zurück: es geht um Heimatlosigkeit, darum, verloren zu gehen oder sich verloren zu fühlen, um das Suchen der eigenen Identität, die Ziel- und Planlosigkeit, darum, im Leben unterwegs zu sein und zu finden, sich zu sammeln, bei sich anzukommen. Es ist eine Reise durch Lebensentwürfte, durch Vorstellungen, Wünsche, Sehnsüchte – mit Absturzgefahr und Aufschwung zugleich. Und diese Reise unternehmen wir Im Eisluftballon, beispielsweise in der Erzählung, die dem Buch seinen Namen und dem Klappentext seinen Inhalt gibt:

»Nur hin und wieder, das bräuchten wir einen Eisluftballon. Einen, der uns gehört und in den wir jederzeit einsteigen und mit dem wir überall hingelangen können, an jeden Ort dürften wir reisen und dort ein Zuhause finden.«

Die Erzählungen gefallen mir allesamt. Und an fünf Lieblingsstellen ist mein Eisluftballon ganz langsam vorübergezogen, damit ich die Worte lange betrachten und sie mir anstreichen konnte; er hat Halt gemacht, damit ich sie mir einfriere, sie mir haltbar mache:

Aus Im Eisluftballon:

»Wir werden betrunken gewesen sein und wütend und verliebt und enttäuscht und alleine und müde. Aber noch ist all das nicht gewesen. Und noch fahren wir im Bus, sitzen Schulter an Schulter, gut verpackt wie rohe Eier im freundlich gelben Karton. Erste Risse lächeln wir weg und schweigen uns aus über zu dünne Schalen.«

Aus Aushilfe:

»Ich dachte, ich würde nie so ganz den Weg verlieren, kopflos durch die Straßen rennen, nicht mehr zu mir selbst oder nach Hause finden, wie manches gleich bleibt und uns daran erinnert, wer wir sind, wer wir waren, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Falsch gedacht, sagt Paul. Alles ändert sich. Er geht nach draußen und lässt mich mit dem Staubtuch in der Hand stehen.«

Aus Gespenster:

»…dann ist keiner von uns mehr Herr der Straßen und wir treffen uns an fremden Orten und wissen nicht mehr, wie wir nach Hause kommen. Ob wir überhaupt noch einmal nach Hause kommen, wir wissen es nicht mehr.«

Aus Grosse Ferien:

»In meinem Kopf bin ich gerne mal mutig, aber nach draußen mache ich ein nettes Gesicht und nicke, so als sei ich gar nicht richtig da, kurz woanders spazieren.«

Aus Aber man hat ja noch den Sicherheitsgurt – für diese Kurzgeschichte hat die Autorin den MDR-Literaturpreis gewonnen – zwei Stellen, weil sie sich so wunderbar in zwei Köpfen abspielen; dem der Schwester:

»Und alles bleibt gleich und alles ist anders und ich weiß: Es ist schlimm, es ist etwas Schlimmes. Und ich will sagen: Traurig siehst du aus. Und ich sage: Aber man hat ja noch den Sicherheitsgurt.«

und dem des Bruders:

»Sie redet vom Sicherheitsgurt…und ich denke, dass ich etwas gemacht habe, ihr ein Zeichen gegeben habe, ohne es zu merken, und sie etwas weiß und ich fast kein Geheimnis mehr habe. Klar sage ich. Sonst nichts, nicht weil ich nicht will, sondern weil es nicht geht. Während wie fahren, 180 Stundenkilometer in der Schrottkarre, lassen wir alle Wörter zurück, alle kleinen und großen, alle wichtigen und unwichtigen: Liebe. Also. Tja. Positiv. Und. Pech. Jetzt. Zu Hause. Alles geht aus, alles bleibt liegen, auf der Strecke. Klar, sage ich, klar. Nicht weil irgendetwas klar wäre. Bloß, weil es das einzige Wort ist, das ich noch habe.«

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Info: Im Eisluftballon, Erzählungen von Katharina Hartwell, poetenladen Verlag Leipzig, 144 Seiten; gebunden; 16,80 Euro.

Bild oben: Der Heißluftballon in Eisfarben hängt im Fenster vom Café Parterre in Kopenhagen.

Bild unten: poetenladen Verlag


Erstehilfekessel

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Worte gehen in Töne über, fügen sich, werden verzerrt, schwimmen in Klängen, winden sich in deren Rhythmus und schließlich gehen sie, zwischen Schnalzen und Schnipsen, Klopfen und Trommeln, unter oder auf im Hall des 21 Meter hohen Raumes der Kesselhalle des Mixed Munich Arts (MMA), einem ehemaligen Heizkraftwerk mitten in München, das Hauptspielstätte des forum:autoren war – dem Kuratorenprogramm des Münchner Literaturfestes (20.November bis 7.Dezember). Acht Veranstaltungen, die zum Programm hatten, was ihr Veranstaltungsort verspricht: mixed arts. Die Hauptessenz: Literatur. Die Zugaben: Film, Theater, Musik und Bildende Kunst. Der Kurator: Clemens Meyer, deutscher Schriftsteller aus Leipzig. Das Motto: »In Gefahr und grösster Not bringt der Mittelweg den Tod«. Es ging um Extreme, um Provokation und: um Erste Hilfe am Dienstagabend und zwar durch Poesie. Zunächst mit Andreas Reimann, dessen amüsant trockener Humor mich nicht nur in seinen Gedichten, sondern auch live auf der Bühne im Gespräch mit Clemens Meyer mehr als einmal zum schmunzeln brachte, beispielsweise als es um sein Publikationsverbot in den 1970er und 1980er Jahren ging:

»Man muss ja nicht immer Sachen schreiben, die so dämlich am Zeitgeist kleben.“

Ein Reim aus dem Gedicht Schlehen, den ich mir flink mitgeschrieben habe:

»Und wie flink wir auch die Karten mischen

Gegenwart ist immer ein dazwischen«

Anschließend ließ der dänische Autor und Klangkünstler Morten Søndergaard dann Poesie verschwinden. Er steckt nicht nur Worte in die Arzneimittelverpackungen seiner Wortapotheke, sondern machte, gemeinsam mit dem Drummer Klaus Q Hedegaard Nielsen, Lyrik zu Musik. Oder wie Søndergaard es zu Beginn der Performance formulierte:

 »We move from meaning to not meaning«

Aber auch diese Wortklänge hinterließen eine Bedeutung; einen Eindruck was Literatur so alles kann, wenn man sie mit anderen Künsten in einen Raum steckt. Wie auch beim Laden für Nichts, ein aus Spanplatten gezimmerter, wandernder Ausstellungs- und Aktionsraum (initiiert durch Uwe-Karten Günther) der auch Teil des forum:autoren war; in und an welchem sich nicht nur Beteiligte, sondern auch das Publikum wort- und kunstreich austoben konnte.

Außerhalb des forum:autoren 

15 Stunden täglich (von 8 bis 23Uhr) kann bei der 55.Münchner Bücherschau im Gasteig in allerhand Literatur gestöbert werden; im Gasteig, wie auch im Literaturhaus finden noch einige weitere Lesungen statt; ebenso beherbergt das Literaturhaus den Markt der unabhängigen Verlage (6. und 7.Dezember), der am 5.Dezember mit dem Preis für einen bayerischen Kleinverlag (Preisträger ist der Volk Verlag) eingeläutet wird. Zwei weitere Auszeichnungen werden im Rahmen des Literaturfestes am 29.November (LiteraVision mit öffentlicher Jurysitzung am 28. und 29.November) und am 1.Dezember (Geschwister-Scholl-Preis) verliehen.

Info: Hier geht es zum eigens für das Literaturfest kreierten Blog.