»So meerisch« Mein Hiddensee von Ulrike Draesner

»Wiesenland, wegeloses Grasmeer. Der feine scharfe Strahl des Glückes, hier anzukommen, schießt durch sie hinduch, links oben zwischen Schulter und Herz. Sie fühlt sich noch benommen von der Reise; die Gerüche und die Seeluft ziehen an ihr, sie kennt das und vergisst es von Mal zu Mal.«

Ein Buch, so luftig leicht und dennoch konzentriert zu lesen, ist, was mir zu Ulrike Draesners Mein Hiddensee auf Anhieb einfällt, was mir auffällt, mit Staunen und mit Sehnen. Mit Se(e)hnsucht. So viele Sätze kommen mir entgegen, und ein Gefühl, das mich letzten Sommer schon entführt hat. Zur See gebannt. Das Wandeln im Wind, das Stapfen auf Sanddünen, hinauf und hinab, das wilde Meer in den widerspenstigen Haaren.

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Nun träume ich wieder. See. Ostsee. Hiddensee. Sämtliche Insellebenswelt eröffnet sich im Buch. Nie zuvor habe ich gelesen, dass ein Stück Land, inmitten der Fluten – »So schmal, so meerisch, so entfernt von alltäglichen Abläufen und Verrichtungen, von Geschwindigkeit« – derart feinbefühlt bedacht, beschrieben werden kann. In alle Einzelheiten zerlegt, bis auf den letzten Sandkorn, den kleinsten Grashalm ergründet. Wundersame Wortspalterei. Mein Bleistift fährt behutsam über das Papier. Ich komme nicht umher, anzustreichen, herauszuschreiben. Vom ersten Absatz an:

»Die Feldlerchen schreien, lassen sich fallen, die dünne Haut der Welt bekommt einen Riss – hinter ihm steht ein großes elektrisches Strahlen. Hart fasst der Wind zu, drückt, Regenwolken hängen am Himmel, alles zeigt sich in sich unterschieden, klar und einzeln geformt. Gräser, den Hang hinauf gepresst, kleeähnlich, doch stattlicher als Klee, helllila strahlende Bergjasionen, weit gebreitet die Fächer der Staubblätter, neben kleinblütigem, duftendem Kraut. Gebeugte Rispen. Zwergenwuchs.«

Ein Spiel mit Formulierungen. Eines, das der Autorin gut liegt und mir gefällt. Die Geschichte, ein Hauch der Vergangenheit, vermischt mit dem Hier, dem Jetzt, zusammenhangslos und doch verbunden – stets auf der Insel. Eine Frau, ein Mann und ein Kind. Inselbesuche, Jahre über. »Bei jeder Ankunft ist die Insel anders als erinnert.« Ich hänge ihr noch nach, ein paar Kapitel habe ich noch zu lesen. Glücklicherweise. Doch wollte ich schon jetzt darüber schreiben. Über Stellen wie diese:

»Der Wald steht da und schläft…Dann wieder Stille – eingekreist von dem Rauschen der Birken und Sanddornbüsche, dem Rascheln der Gräser, den vereinzelten dlr-dlr-dlr-Rufen eines Vogels.«

»Ein Morgensatz, gedacht noch halb aus den Kissen.«

»Was sie zwischen Wasser, Sand und Wind bestens kann: Sie denkt an nichts.«

Das Buch ist »für Lucia, Inselkind«. Ich fühle mich selbst wie das Inselkind, möchte hin, dorthin. Hiddensee soll auch Mein Hiddensee werden. »Die Insel wirkt ähnlich auf sie: Sie erleichtert ihr das Eintauchen in sich selbst.“

»Hat man Glück, hängt man schon nach einem Tag selbst ein wenig so im Leben, wie das Land Richtung Meer hängt: schief, aber gehalten, leicht überspült, halb beträumt, halb tangbedeckt, in eigener Zeit.“

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Titel: Mein Hiddensee; Autorin: Ulrike Draesner; mare Verlag, 198 Seiten.

Foto oben: Cindy Ruch

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»Das Leben ist ein Riesending« auf einem Schiff – Alessandro Bariccos Ozeanpianist

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Letztens an der Ostsee haben mich die Märchen vom Wesen des Meeres (Oceano Mare) zu der Legende vom Ozeanpianisten geführt. Seeaufwärts wurde ich getrieben, über die Strandpromenade hin zu einem Bücherstand, an dem ich auf Novecento gestoßen bin – ein weiterers Werk des italienischen Autors Alessandro Baricco; ein Theaterstück. Eine Geschichte nicht über das Meer, eine Geschichte auf dem Meer: das Stück spielt auf dem Schiff Virginian. 1900 wird dort ein Neugeborenes gefunden, der Matrose Danny Boodmann nimmt den Jungen an sich und nennt ihn nach dem Jahrhundert, in das er hineingeboren wurde. Genau genommen heißt der Kleine fortan: Danny Boodmann T.D. Lemon Novecento; T.D.Limoni stand auf dem Pappkarton, in dem er lag. So beginnt die Geschichte vom Ozeanpianisten, erzählt von dem Trompeter Tim Tooney, einem Musikerfreund von Novecento:

»Ladies und Gentleman, meine Damen und Herren, Signore e Signori…Mesdames et Messieurs, willkommen auf diesem Schiff, in dieser schwimmenden Stadt…willkommen auf dem Ozean, à propos, was machen Sie eigentlich hier?«

»Glauben Sie mir, so ein Schiff werden Sie nie mehr finden…ein Schiff ohne Küche mit einem klaustrophobischen Kapitän, einem blinden Steuermann, einem stotternden Funker und einem Doktor mit einem unaussprechlichen Namen…was Ihnen nie wieder passieren wird…ist, mit dem Hintern auf zehn Zentimetern Sessel und Hunderten von Metern Wasser zu sitzen, inmitten des Ozeans, vor den Augen das Wunder, in den Ohren das Unglaubliche, in den Füßen den Rhythmus und im Herzen den Sound der einzigen, unnachahmlichen, unendlichen Atlantik Jazz Baaaand!!!!!«

Dutzende Male legt Novecento auf dem Schiff von Amerika nach Europa und von Europa nach Amerika ab, meist verbringt er die Überfahrt an dem Ort, an dem er selbst abgelegt wurde: dem Klavier. Er verzaubert mit seiner Musik, er wird legendär, der Ozeanpianist.

»Solange du eine gute Geschichte auf Lager hast und jemanden, dem du sie erzählen kannst, bist du noch nicht am Ende. Er hatte eine…eine gute Geschichte. Es war seine eigene Geschichte.«

»Mein Gott, du kannst doch nicht dein ganzes Leben lang hin und her schippern wie ein Idiot …du bist doch nicht dumm, du bist ein ganz Großer, und da liegt sie vor dir, die Welt, du brauchst nur diese verdammte Treppe runterzugehen, was gehört schon dazu, ein paar Stufen bloß, du lieber Himmel, und dann hast du das alles. Alles. Warum machst du nicht endlich Schluß hier und haust ab? Wenigstens ein einiziges Mal. Novecento, warum tust du es nicht? Warum? Warum?«

Er geht nicht an Land, er spielt nicht einmal, wenn das Schiff am Hafen liegt; er macht Musik nur auf dem Meer, er reist durch sie. Seine Musik bringt ihn an jeden Ort, den er sich vorstellen kann; den er sich durch die Erzählungen der Passagiere erspielt. Er macht Melodien aus ihren Geschichten, er spielt die ganze Welt auf einem Schiff.

»Dann begann er, ganz leicht die Tasten zu berühren…und nach und nach wurde eine Melodie daraus, aus dem schwarzen Klavier kamen Töne, die aus einer anderen Welt herrührten. Alles lag darin: alle Musik der Welt. Man musste geradezu erstarren davon.«

Eines Tages erzählt ihm ein Bauer vom Leben, vom Leben, das er durch das Meer wieder gefunden hat; durch das Meer, wie es vom Festland aus zu sehen ist: lebendig, groß, »ein Riesending«:

»Es ist wie ein gigantischer Schrei, es brüllt und brüllt und brüllt.«

Und Novecento hört es plötzlich nach sich rufen. Er beschließt von Bord zu gehen.

»Ich muß mir was ansehen, von da unten«, erklärte er mir.

»Was ansehen?«

»Das Meer.« »Das Meer?« »Das Meer.«

»Du siehst das Meer seit zweiunddreißig Jahren, Novecento.«

»Von hier aus. Ich will´s von da aus sehen. Das ist was anderes…Ich kann natürlich auch hier oben bleiben, aber das Meer wird mir nie so etwas zuschreien…ich lebe ein paar Jahre auf dem Land…und eines Tages ziehe ich los, komme an irgendeine Küste, erblicke das Meer: und dann werde ich es brüllen hören.«

»Nach zweiunddreißig Jahren, die er auf dem Meer verbracht hatte, würde er an Land gehen, um das Meer zu sehen.«

»Stufe um Stufe. Und jede Stufe bedeutete eine Sehnsucht.«

»…und bumm, Ende!«

»Novecento, warum tust du es nicht? Warum? Warum?«

Titel: Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten;  Autor: Alessandro Baricco; aus dem Italienischen von Erika Cristiani: Verlag: Piper, 83 Seiten.

Bild: Ausschnitt des Buchcovers


blaubeflügelt

dieschönheit

Vier volle Fotofilmrollen habe ich von Dänemark nach Deutschland mitgebracht; ich habe mir hier das Farbenmeer von dort entwickelt – das Blau des Wassers, ich habe es mitgenommen, damit es mich weiterhin begleitet…

…in blauem Lesen:

+ Die Schönheit des Wassers  von Crauss, 66 Gedichte auf 80 wunderschön gestalteten Seiten, erschienen beim Berliner Verlagshaus (ehemals Verlagshaus J.Frank) – gefunden beim Poesiefestival Berlin

+ Oceano Mare von Alessandro Baricco, ein 275seitiges Märchen vom Wesen des Meeres, erschienen bei Piper Verlag – gefunden an einem zauberhaften Flohmarktsonntag am Maybachufer in Berlin; Bariccos Roman Seide hat mich letztes Jahr begeistert, Oceano Mare kommt nun als Reisebuch mit an die Ostsee

+ Bluets von Maggie Nelson, 112 Seiten auf Englisch in tiefblauem Einband, erschienen bei Perseus Distribution – geschenkt bekommen in einem einzigartigen vorletzten Sommer; diesen Sommer wird es erneut gelesen

…in blauem Schreiben:

Zwischen Blau und Blau

färbt alles aufeinander ab

da bewege ich mich

in tiefblauer Melancholie hellblauer Freude

schwimme ich da

in rasenden ruhigen Wogen

strudel ich setze ich mich ab

ins Wasser unter freiem Himmel

färbt alles aufeinander ab.

Mehr Blau in der Bildergalerie.