»Das Wesen des Meeres ist schwarz«

 

Und wieder ist da so ein Surfroman, der mir aufgefallen ist, der den anderen Surfromanen ähnelt und doch seinen ganz eigenen Zauber hat: Im grünen Raum von Saint-Leu von Peter Lenzyn.

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Ein namenloser Ich-Erzähler, aufgewachsen auf La Réunion, mit stetigem Blick aufs Meer und ständigem Drang, sich in die Wellen zu stürzen. Nach dem Tod des Vaters zieht er mit der Mutter nach Paris, herausgerissen aus einem vom Surfen geprägten Alltag, hinein in die Großstadt, gestrandet hinter einer Schulbank, entdeckt er im Kunstunterricht die Fotografie für sich – den Blick für die kleinen besonderen Momente. Er wird also Fotograf für die Pariser Presse und das Surfen bleibt lange Zeit nur eine Erinnerung, bis ihn ein folgenschweres Ereignis zurück auf die Insel treibt. Dort spürt er seinem früheren Leben nach und nimmt es erneut mit dem grünen Raum von Saint-Leu auf…

» Das Meer ist schwarz. Alle schauten zu mir herüber, auch die Kunstlehrerin. Ich war von der ziemlichen Bestimmtheit, mit der ich das sagte, selbst ein wenig überrascht. Aber ich sagte es noch einmal. Das Meer ist schwarz. Die Kunstlehrerin nannte den Blauton. Es war Ultramarinblau. Ultramarin. Sie fühlte sich bestätigt. Was wissen Sie denn vom Meer?, fragte ich […] Sie haben ja recht, das Meer ist blau. Und es ist türkis, und es ist grün – für den, der am Strand sitzt und rausschaut, wer im Wasser plantscht, wer aus dem Flugzeug schaut […] Aber wenn Sie weit draußen auf offener See schwimmen, dort, wo die Fische nicht bunt und klein sind und wie Spielzeug aussehen, sondern grau und groß. Wenn Sie dort in den Wellen schwimmen […] dann ist das Meer schwarz, und es wird für Sie immer schwarz sein […] Das Wesen des Meeres ist schwarz, sagte ich, und wer das nicht weiß, der unterschätzt es. «

» Kannst du kurz dableiben?, sagte die Kunstlehrerin zu mir, als alle anderen den Klassenraum Richtung Pausenhof verließen […] Ich möchte, dass du mir das Meer erklärst. Das überraschte mich ein wenig. Wie soll ich das denn machen? Vielleicht beschreibst du mir, wie du am Meer aufgewachsen bist. Vielleicht schreibst du es auf. Eine Strafarbeit also? Die Kunstlehrerin lachte. Nein, es ist keine Strafarbeit. Was ist es dann? Es ist Neugier. Neugier? Ich möchte wissen, was genau du verloren hast. «

Eine Geschichte, die wie wild den Wellen hinterherjagt und den Gedanken hinterlässt, dass wir uns viel öfter fragen sollten, was wir wirklich vom Leben wollen.

Im grünen Raum von Saint-Leu; Peter Lenzyn; mitteldeutscher verlag; 172 Seiten.


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Wenn die Worte wieder wellen…weiter wellen…

»Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Meer und Himmel ließen sich nicht unterscheiden, nur daß das Meer leicht gefältet war wie ein zerknittertes Tuch … Die Welle hielt inne und zog sich dann wieder zurück, seufzend wie ein Schlafender, dessen Atem unbewußt kommt und geht. Allmählich wurde der dunkle Streif am Horizont klar … Dahinter klärte sich auch der Himmel … und nun breiteten sich flache Streifen von Weiß, Grün und Gelb über den Himmel aus wie die Finger eines Fächers … bis eine breite Flamme sichtbar wurde; ein Feuerbogen loderte am Rande des Horizontes, und rund um ihn her lohte das Meer golden.«

Virginia Woolf, Die Wellen

 

Gelesen in: Frauen am Meer von Tania Schlie, Thiele Verlag.

Bild: Junges Mädchen am Strand, um 1886 von Philip Wilson Steer, Musée d´Orsay, Paris.